PROLOG


Als das Klackern ihrer Schritte auf der Treppe immer leiser wurde und schließlich verhallte, schloss ich meine Zimmertür hinter mir und ging zum Fenster. Bilder, die nun Erinnerungen waren und für immer bleiben würden, schossen wirr, wie tausend aufflackernde Sternschnuppen – zu vage und schon erloschen, ehe ich sie richtig erfassen konnte, durch meinen Kopf und machten das Denken schwer. Also versuchte ich vergeblich
nicht zu denken, nahm still auf dem tiefen Fenstersims Platz und lehnte meine Stirn gegen die kühle Scheibe.
Es dauerte einige Minuten, doch dann erschien sie auf dem Parkplatz vor unserem Haus, lief zu den beiden anderen Mädchen, meiner Schwester und einer gemeinsamen Freundin, und verabschiedete sich.
Mein Herz schlug ruhig, doch es schmerzte bei ihrem Anblick so sehr, dass ich meine rechte Hand zur Faust ballte und auf meinen Brustkorb drückte.
Es gab keinen Zweifel in mir, dass sie es war, auf die ich so lange gewartet hatte. Wut kroch in mir empor.
Warum ausgerechnet sie?
„Michael!“, rief ich ungeduldig und viel zu laut, doch das war mir momentan ziemlich egal. Alle anderen waren draußen; mir blieb vermutlich nicht viel Zeit.
„Ist sie es, Michael?“ Noch lauter. Das würde er nicht lange mitmachen. Ich wusste, dass er da war – denn er war immer da -, und ich war nicht für seine Spielchen aufgelegt. Ein Klatschen ertönte.
Er stand hinter mir, lässig gegen mein Bücherregal gelehnt, und lächelte selbstgefällig. Er applaudierte mir wirklich ... und sein Gesichtsausdruck ließ keinen Platz für weitere Spekulationen. Und ob ich richtig lag.
„Oh nein!“ Geschockt ließ ich mich auf mein Bett fallen. Im nächsten Moment sprang ich jedoch schon wieder auf. Bevor ich etwas sagen konnte, tat er es.
„Oh doch! Glückwunsch, Noah. Du hast deinen Schützling erkannt.“
„Verdammt, sei still!“, rief ich und hielt mir wie ein Vierjähriger die Ohren zu. Vergeblich – natürlich. Er war in meinem Kopf und sprach unbeirrt weiter.
„Ah, ah, vergiss nicht, mit wem du sprichst, mein Junge!“
Sein Gesichtsausdruck wirkte streng, doch das Funkeln seiner gütigen Augen entlarvte ihn. Er war mir nicht böse. Vielleicht konnte er mich sogar verstehen. Nein, streichen wir das.
Natürlich konnte er mich verstehen. Michael wirkte seltsam fehlplatziert in meinem Zimmer. Er gehörte nicht an diesen Ort, wo es ein Bett gab, einen Schrank und einen Schreibtisch. Er gehörte dorthin, wo man all das nicht brauchte und doch alles besaß.
Für den Bruchteil einer Sekunde ließ ich die bizarre Situation – er in meinem Zimmer – auf mich wirken, doch dann kochte die Wut erneut in mir auf.
„Das kann doch nicht dein Ernst sein, Michael. Warum Emiliy?“, fragte ich. Mein Herz hätte rasen müssen, als normale Reaktion auf meine innere Unruhe, doch es schlug weiter in seinem monotonen, ruhigen Rhythmus. Das Schlagen meines Herzens verwirrte mich bis jetzt. Es war so falsch … in vielerlei Hinsicht.
„Aber … sie ist so ... zerbrechlich. Ich will nicht, dass ihr Leben von mir abhängt. Das kannst auch du nicht wollen.“
„Was? Du traust es dir nicht zu?“, fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen. Und obwohl ich tief in meinem Innersten wusste, dass sein Erstaunen geheuchelt war, wirkte die Mimik so echt, so menschlich, dass er es für einen Moment schaffte, mich zu täuschen.
Gerade wollte ich mich erklären, als sein unbeirrbares Lächeln zurückkehrte und die Illusion binnen eines Wimpernschlages zerstörte. Also biss ich die Zähne aufeinander, senkte meinen Blick und schwieg in Trotz. Aber wer war Michael, dass er meine Worte benötigte? Er las in meinen Gedanken, wie in einem offenen Buch.
„Du musst vertrauen, Noah. Du wirst alles richtig machen.“
„Und wenn ich es richtig gemacht habe und es schaffe sie vor ... was auch immer zu bewahren, dann...“
„... wird deine Mission hier beendet sein, ja.“ Seine Stimme war so weich wie nie zuvor. Und in Michaels Fall sollte das etwas heißen, denn er hatte die sanfteste Stimme, die ich je gehört hatte. Jedes noch so zarte Glockenspiel klang wie ein blechernes Monstrum gegen ihn. Nein, könnte der Wind sprechen – nicht der raue, der peitschend ein Unwetter ankündigt, sondern der laue, warme, der einem Sommerschauer folgt oder am frühen Morgen über die Küste streift und das Versprechen eines herrliches Sonnentages mit sich trägt -, dann würde er mit Michaels Stimme sprechen, dessen war ich mir sicher.
In diesem Moment jedoch ließ mich der zarte Klang seiner Stimme völlig unbeeindruckt.
„Verdammter Mist!“, rief ich voller Wut und schlug mit der Faust gegen mein Regal mit den CDs. Es schwankte so sehr, dass einige herausfielen.
Michael ignorierte mein Fluchen und seufzte schwer. Er wirkte fast mitleidig, doch als ich ihn ansah, war der Glanz seiner hellblauen Augen absolut unberührt. Natürlich.
„Ich bitte dich, ausgerechnet Emily?“, fragte ich erneut.
Es war ein Flehen, auch wenn es wie ein Vorwurf klang. Im Grunde meines Herzens bat ich Michael um jemand anderen. Denn ihr so nah zu sein - jeden Tag - mit dem Wissen, dass wir keine Zukunft hatten – nie haben konnten – wie sollte ich das ertragen?
„Niemand hat behauptet, dass es leicht werden würde, Noah“, sagte Michael. „Du begleitest ihre Wege und beschützt sie. Das sind deine Aufgaben und die einzigen Gründe dafür, dass du noch hier bist. Willst du das denn nicht, Noah?“
„Nein, das will ich nicht!“, behauptete ich trotzig, als würde ich zu irgendjemandem sprechen und nicht etwa zu dem mächtigsten aller Erzengel.
„So, du willst ihr also nicht nahe sein?“
Doch, natürlich, aber nicht so.
Der Gedanke war da, bevor ich ihn unterdrücken konnte. Dennoch ließ ich mir meinen Trotz nicht nehmen, so kindisch er auch sein mochte.
„Emily ist der letzte Mensch der Welt, dem ich nah sein will“, beharrte ich.
Wieder sah er mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Nicht erstaunt dieses Mal, sondern streng. Wie automatisch zuckte ich unter seinem Blick zusammen. Lügen war ein absolutes No go, dass wusste ich mittlerweile. „Nicht, wenn es so endet“, fügte ich mit einem Flüstern hinzu und machte meine vorangegangene Aussage damit wahr.
In diesem Moment knallte die Tür zum Zimmer meiner Schwester Lucy zu.
Emily. Sie war zurückgekommen. Ich wusste, dass sie es war, denn sobald ich mich auf das Geräusch konzentrierte, spürte ich ihre Anwesenheit.
Verwirrt sah ich ihn an.
„Michael, war sie schon länger da? Hat sie ...“
Er hielt meinen Blick und zuckte mit den Schultern. Oh, dieses ewige Lächeln!
„Sie hat mich gehört und du wusstest ... Warum...?“
Wie konnte er dulden, dass sie mich belauschte, während ich mit ihm sprach?
Ich warf ihm einen finsteren Blick zu, eilte zu meiner Zimmertür und riss sie auf. Emily stürmte bereits die Treppe hinab. Erneut.
Sorge durchzuckte mich, als ich an ihren verletzten Knöchel dachte.
„Verdammt! Emily?“, rief ich ihr nach, doch schon fiel die Haustür mit einem schweren Knall ins Schloss und sie war weg.









I.



Ringgggg!
Beim ersten Klingeln meines Weckers saß ich im Bett. Die Sonne fiel grell durch die Vorhänge meines Zimmers. Mittlerweile hatte ich mich an den frühen Sonnenaufgang gewöhnt. Genervt war ich zwar immer noch, aber das Licht und die unmittelbare Wärme störten mich nur noch latent; ich fühlte mich ausgeschlafen und fit.
In einer viel zu ruckartigen Bewegung schwang ich die Beine über die Bettkante und sprang auf. Dumme Idee, denn natürlich wurde mir sofort schwindelig. Schwärze breitete sich vor mir aus und umhüllte mich mühelos, wie seidener Stoff; alarmierend bunte Lichter tanzten inmitten der unechten Dunkelheit.
Schnell tastete ich nach meiner Kommode, hangelte mich daran herab, setzte mich auf den Fußboden und klemmte den Kopf zwischen meine angewinkelten Knie. Das half meistens ... und anscheinend auch dieses Mal.
Sobald sich die wirbelnden Farben aufgelöst hatten und mein Bewusstsein zu mir aufschloss, schoss ein einziger Gedanke an die Oberfläche und setzte sich gegen alle anderen durch:
Der Tag meiner Erlösung ist da!
Ich erhob mich erneut, dieses Mal langsam und vorsichtig, wischte mir die zerzausten Haare aus der Stirn und warf einen prüfenden Blick in den großen Standspiegel neben meinem Bett. Das übliche Chaos blickte mir entgegen:
Ich trug ein ausgeleiertes, löchriges Tanktop, das vermutlich irgendwann einmal rot gewesen sein musste. Dazu eine blau-weiß karierte Boxershorts meines Bruders, die er sich mal wieder zu klein gekauft hatte. In dieser Klimahölle, in die unser Vater uns verschleppt hatte, leisteten mir Jasons Fehlkäufe in manch einer Nacht gute Dienste.
Am schlimmsten aber waren - wie immer - meine Haare. Keine Ahnung, wie ich schlief – was, um alles in der Welt, ich nachts anstellte. Doch die regelrecht verfilzten, rostbraunen Strähnen, die sich wirr um meinen Kopf schlängelten, teils schlaff herabhingen und teils
abstanden, ließen auf wilde Szenen schließen.
Das Laken, in dem ich mich in diesem Moment mit dem Fuß verfing und stolperte, weil es mal wieder mehr den Boden als meine Matratze bedeckte, erzählte dieselbe Geschichte.
Ich tat den Sturz mit einem Lachen ab, obwohl ich mir das Knie schmerzhaft an der Kommode angestoßen hatte. Anstatt mich zu ärgern, hob ich das Laken auf, wickelte es um meinen Arm und warf es zurück auf das Bett. Aber wo war mein Kopfkissen? Nach kurzem Suchen fand ich es unter der Zudecke am Fußende meines Bettes. Na bitte, das ging ja noch. Schließlich hatte ich es eines Morgens sogar auf meinem Kleiderschrank wiedergefunden.
Sollte widererwartend jemals ein Mann den Mut aufbringen, neben mir zu schlafen, würde ich mich in peinlicher Erklärungsnot befinden, soviel stand fest. Zumindest, wenn dieser todesmutige Typ die Nacht mit mir überleben würde.
Wie gut, dass ich bisher niemandem Rechenschaft schuldig war.
Wieder fiel mein Blick in den Spiegel. An anderen Tagen hätte mich der Anblick meiner Haare wohl an den Rand der Verzweiflung getrieben. Doch an diesem Morgen ignorierte ich die Missstände meines Äußeren, wischte mir eine verfilzte Haarsträhne aus der Stirn und gönnte meinem Spiegelbild ein ermutigendes Grinsen.
Heute war alles anders. Der erste Tag meines neuen, unbehelligten Lebens brach an.
Gut, das war vielleicht ein etwas theatralischer Blick auf den Stand der Dinge, aber Fakt war, dass ich mich zum ersten Mal seit unserer Ankunft hier auf die Schule freute.
Ich freute mich auf meine bisher einzige Freundin Kathy, die erst gestern aus ihrem Feriencamp heimgekehrt war, auf einige andere Schüler meiner Stufe und kurioserweise sogar auf manch einen Lehrer.
Am meisten jedoch - und das war auch der eigentliche Grund für meine gute Laune - freute ich mich auf neue Schüler.
Ich erwartete niemanden Bestimmten, im Gegenteil.
Wer kommen würde war mir völlig egal. Ich freute mich auf die Ankunft neuer, fremder Schüler, die mich nach den nervenzehrenden Monaten vor den Sommerferien endlich von meinem unfreiwilligen Sonderposten ablösen würden.
Ab heute war
ich jedenfalls nicht mehr die Neue.
Soweit ging zumindest meine Hoffnung, auf die ich mich innerhalb der letzten Wochen so sehr versteift hatte, dass sie mittlerweile einer Gewissheit glich. Ich war mehr als zuversichtlich, heute mal ausnahmsweise nicht wie ein Affe im Käfig angegafft zu werden.
Zwei Monate vor den großen Ferien waren wir nach
Little Rose gezogen.
Wir, das waren mein Vater David, mein Bruder Jason und ich.
Mein Dad war als einer der besten Filmregisseure Englands bekannt. Als solcher hatte er beschlossen, dass es schlichtweg unverantwortlich gewesen wäre, sich weiterhin vor Amerika zu verschließen. Genau das hatte er während der vergangenen zehn Jahre getan, doch nach seinem letzten erfolgreichen Film bekam er mehrere Angebote großer amerikanischer Filmstudios, die er selbst als
unablehnbar bezeichnete.
Eine Zeitlang hatte er mit dem Gedanken gespielt, zwischen Manchester und L.A. hin und her zu pendeln. Doch als ihm klar wurde, dass die Dreharbeiten zu den beiden Filmen für die er unterschreiben wollte mindestens anderthalb Jahre beanspruchen würden, rief er Jason und mich zu einem Familientreffen zusammen und diskutierte den Umzug mit uns.
Ich schlug vor, er solle doch alleine gehen, doch mein Dad wäre nicht mein Dad gewesen, wenn er das tatsächlich getan hätte.
Denn, was nur die wenigsten wussten: Regie zu führen stand auf der Rangliste der Talente meines Vaters nur auf Platz zwei. Den ersten Rang belegte er mit einem Können, das für Jason und mich weitaus größere Bedeutung besaß:
Er hatte es, trotz des frühen Todes meiner Mutter und seinem anstrengenden Job, immer geschafft, uns ein guter Dad zu sein. Niemals hätte er uns allein in England zurückgelassen.
Ich war traurig, versuchte jedoch, mir nichts anmerken zu lassen, da ich wusste, wie schwer meinem Dad die Entscheidung fiel. Mit viel Geschick hatte er unsere kleine Familie schon durch einige Krisen und weitaus weniger glamouröse Zeiten manövriert, und so schuldete ich ihm einfach den Gefallen, tapfer mit seinem Entschluss umzugehen.
Leicht fiel mir das nicht. Ich liebte England und ganz besonders Manchester. Die heimische Gemütlichkeit, die stürmische Regentage mit sich brachten und das satte, weite Grün, das unser Haus umgab.
Mit der prallen Sonne, die hier an geschätzten 320 Tagen im Jahr schien, konnte ich nichts anfangen. Mein ohnehin instabiler Kreislauf – niedriger Blutdruck kann wirklich nerven! - spielte bald schon verrückt. Andauernd wurde mir schwindelig vor Hitze und eine Allergie gegen Sonnenschutzmittel hatte ich auch. Gegen alle! Mir blieb also die Wahl zwischen ungeschützt und verbrannt, oder geschützt und rot verpickelt – Juckreiz inklusive.
Nachdem ich alle Sonnencremes und -lotionen durchprobiert hatte, entschied ich mich für Variante eins und lief seitdem ständig mit hochrotem Kopf durch die Gegend. Meine von Natur aus blasse, britische Haut wehrte sich gegen die Sonne, was sollte ich tun?
Jason, der laut Papier zwar zwei Jahre älter war als ich, jedoch leider den geistigen Stand eines Dreijährigen aufwies, hatte mit der Umstellung keinerlei Probleme. Gesegnet mit den Genen unserer Mum – unempfindlicher Haut und dunkelbraunen Haaren – fieberte Jay dem Umzug nach Kalifornien förmlich entgegen.
Nur dass unser Vater ein Haus so weit außerhalb der Stadt gemietet hatte missfiel meinem Bruder. Ganze Abende verbrachte er damit, unseren Dad auf erniedrigende Art und Weise anzuflehen, direkt nach L.A. zu ziehen, doch der ließ sich Gott sei Dank nicht weichklopfen. Ich wusste sehr wohl, dass er dabei an mich gedacht hatte.

Da waren wir nun also, die beiden Männer und ich, in den Vereinigten Staaten von Amerika.
Hurra! ... Oder auch nicht.
So sehr ich mich auch bemühte, ich empfand nicht einmal einen Hauch von Jasons Begeisterung.
Ich vermisste alles, was mein ehemaliges Zuhause ausgemacht hatte:
Meine Freunde, meine kleinen Cousinen und Tante Lizzy, meine Schule und vor allem Janet, unsere liebe Haushälterin, die sich seitdem wir denken konnten um uns Kinder gekümmert hatte. Sie wollte England nicht verlassen. Nicht einmal für uns.
Schweren Herzens, unter Tränen, die wie kleine Sturzbäche aus ihren hellblauen Augen strömten und nur so über ihre Wangen herabrauschten, erteilte sie uns eine Absage.
Dad hätte das ganze Unterfangen daraufhin beinahe wieder abgeblasen, aber mit Jason im Nacken und den verlockenden Verträgen am Angelhaken – sie zuckten wirklich direkt vor seiner Nase - entschloss er sich schließlich doch zu gehen.

Mein erster Tag in den USA verlief niederschmetternd. Hatte ich zuvor noch den blassen Funken Hoffnung in mir getragen, irgendetwas Vertrautes in diesem Land vorzufinden - irgendetwas, das meine neue Heimat mit meiner alten verband - so zerplatzte diese Vorstellung so schnell wie eine Seifenblase. Und das schon unmittelbar nach unserer Landung.
In einer von der neuen Produktionsfirma meines Vaters angemieteten Limousine chauffierte uns ein älterer Mann namens Sam vom Flughafen zu unserem neuen Haus.
Die Hitze war auch im April schon deutlich spürbar und ließ eine leise Ahnung in mir aufkommen zu welch sengenden Temperaturen die kalifornische Sonne erst im Sommer fähig wäre.
L.A. selbst war ... nun ja, irgendwie charmelos und sehr unspektakulär in meinen Augen. Einerseits gab es hier diese künstlich anmutenden Palmenalleen und Parks, die Erinnerungen an die Grünanlagen von Disneyland in mir hervorriefen, andererseits die unglaublich breiten Straßen und simplen Flachdach-Gebäude, die mit ihrem abblätternden Putz auch in einer willkürlichen Stadt im Süden Spaniens hätten stehen können. Und dann, eher am Rande der Stadt, säumten ordentliche Gehwege die Straßen, hinter denen - hübsch aufgereiht - protzig wirkende Häuser aus klischeehaft akkuraten Vorgärten hervorzuwachsen schienen. Eindrücke, die in ihrer Gesamtheit beinahe vertraut wirkten – den unzähligen TV-Serien des Abendprogramms sei Dank.
Viele dieser Bauten erinnerten mich an das nostalgische Puppenhaus, das meine Oma besessen hatte und mit dem ich als Kind nie hatte spielen dürfen. „Nur ansehen, nicht anfassen!“, hörte ich ihre lange schon verstummte Stimme, während die Limousine an diesen Gebäuden vorbeifuhr. Ja, genauso wirkten diese Häuser auf mich.
Ja nicht anfassen!
Die riesigen `HOLLYWOOD´ - Buchstaben, die Palmen in der Mitte der Straße, die Laubbäume auf den Gehwegen, die große Brücke, die in der Realität noch viel gewaltiger wirkte als auf dem Bildschirm - das alles kam mir zwar auf eigenartige Weise bekannt vor, war mir dabei jedoch gefühlsmäßig so fremd, dass ich schon bald nicht mehr verstehen konnte, welchen Illusionen ich mich hingegeben hatte.
Hier war rein gar nichts vertraut. Zumindest nicht auf die erhoffte Art und Weise. Sicher lebten hier zu 99,9 Prozent Snobs, und ich würde mich mit Händen und Füßen dagegen wehren, eines Tages zu ihnen zu gehören, so viel stand fest.
Trotzig? Na klar! Aber ich fand, das war mein gutes Recht.
Während ich versuchte, mich mit dem Gedanken zu trösten, einfach nur die Highschool hinter mich bringen zu müssen, um dann fürs Studium zurück nach England gehen zu können, rastete Jason neben mir aus. Er klebte an dem getönten Seitenfenster der Limousine und wusste vor lauter Begeisterung gar nicht wohin mit sich.
Unser Dad hätte ihn vorher schon mal mitnehmen sollen, denn das Verhalten meines Bruders war wirklich mehr als peinlich. Sogar der steife Chauffeur konnte sich sein Lächeln kaum verkneifen, als er einen Blick in den Rückspiegel warf.
Nach einer knappen Stunde Fahrt kamen wir an. Gut so! Keine Sekunde länger hätte ich es neben diesem Spinner ausgehalten.
Unser Haus war genial, zugegeben, aber weder der riesige Garten mit Pool, noch mein 25 qm großes Zimmer mit dem angrenzenden Bad konnten mich lange trösten.
Wie gerne hätte ich diesen Raum mit all seinen hellen Möbel gegen mein deutlich kleineres, extrem schlichtes Zimmer in Manchester zurückgetauscht.
Dad gegenüber tat ich so, als wäre alles wunderbar.
Ich orientierte mich an Jason und versuchte seine Darbietungen ekstatischer Begeisterung zu imitieren, aber so recht wollte mir das nicht gelingen. Unter den Augen meines Vaters, dem Regisseur, wirkten meine Schauspiel-Versuche wohl nicht nur kläglich, sondern eher hoffnungslos.
Er beobachtete mit prüfendem Blick, wie ich mein neues Zimmer inspizierte. Ich versuchte, wirklich jedes Detail zu würdigen, denn er hatte sich mit der Ausstattung große Mühe gegeben. Nun ja, nicht er persönlich – aber er hatte einen begnadeten Raumgestalter engagiert und ihm offensichtlich die entscheidenden Hinweise geliefert.
Cremefarbene Vorhänge, dezente Bettwäsche, weißgebeizte Holzmöbel. Groß, hell, freundlich, einladend. Es war wirklich perfekt und absolut nach meinem Geschmack ... eigentlich.
Langsam legte sich ein Lächeln über das Gesicht meines Vaters, doch es war eins der traurigen Art.
„Emily, es ist nicht für immer, versprochen.“
Seine Worte klangen so entschuldigend, dass ich nicht wagte ihn anzusehen, aus Angst dann loszuheulen. Also starrte ich weiter auf meinen perfekt bestückten Schreibtisch und wartete, bis das Brennen hinter meinen Augen nachließ. Mein Vater oder ...
irgendjemand hatte sogar eine Packung Textmarker und einen Taschenrechner auf dem Schreibblock platziert.
„Hm? Aber, ich hab doch gar nichts gesagt“, antwortete ich leise, sobald ich meiner Stimme wieder traute.
„Ich weiß“, erwiderte er nickend. „Das brauchst du auch nicht. Ich sehe dir doch an, wie schwer es dir fällt. Und wie sehr du dich bemühst, es mich nicht spüren zu lassen.“
„Dad, es…“
Er winkte ab. „Nein, du musst dich nicht entschuldigen, Emmy. Ich kann dich ja verstehen.“ Mit einem Seufzer ließ er sich auf meine Bettkante fallen. Er sah abgespannt aus, als er mit den Handballen über seine geschlossenen Augen rieb und mich dann wieder ansah.
„Mir wird Manchester auch fehlen”, gestand er. „Vielleicht verstehst du das nicht. Vielleicht denkst du, dass ich doch sowieso andauernd unterwegs bin, aber Manchester war immer mein Anker, weißt du? Meine Heimat eben. Unser Haus wartet auf uns, wir gehen wieder zurück, versprochen. Aber ... für die kommende Zeit ... Lass uns zumindest versuchen hier zurechtzukommen, okay?“
„Ja, sicher“, erwiderte ich schnell.
Es tat mir weh, ihn so zu sehen und ich verfluchte mein nicht vorhandenes Schauspieltalent noch im Nachhinein.
In diesem Moment stürmte Jason in mein Zimmer. Ohne anzuklopfen, natürlich. Doch dieses Mal ärgerte ich mich nicht über ihn; es war sogar eine kleine Erleichterung. Manche Dinge würden sich wohl nie ändern, ganz egal, wo wir gerade lebten.
Mir blieb nicht viel Zeit, mich diesem beruhigenden Gedanken zu widmen. Jason schrie in seiner Aufregung:
„Das Haus ist der Hammer, Dad. Riesig und cool! … Voll Hollywood! Der Billardtisch ist der Wahnsinn, wirklich…“
Moment mal, bitte was?
„Wir haben einen Billardtisch?“, fragte ich ungläubig.
Verdammt, wir sind bereits Snobs.

Am nächsten Morgen – ohne jede Schonfrist und mitten im laufenden Schuljahr - begann mein neuer Alltag.
`Schulhölle´ trifft es eigentlich eher, aber das war mir damals noch nicht bewusst.
Die Schule war mittelgroß, es gab zirka 500 Schüler.
Diese Tatsache hatte ich naiver Weise als beruhigend abgetan. Endlich mal etwas, das nicht größer und formidabler war, als ich es von zuhause aus kannte. Aber nichts da, Trugschluss!
Die beiden Männer lieferten mich ab und ließen mich all meine Energie aufwenden, um sie davon abzuhalten mich wie eine Sechsjährige auf meinem ersten Weg zu begleiten:
„Himmel, ich bin doch keine Erstklässlerin. Ich schaff das schon!“, versicherte ich beim Aussteigen. „Also, bis später.“
Schnell schlug ich die Autotür hinter mir zu und lief mit festen Schritten und angespornt durch das stolze Grinsen meines Vaters, das mir förmlich im Nacken kribbelte, auf die weit geöffneten Flügeltüren der Schule zu.
Kaum hatte ich das Foyer betreten, bereute ich meinen Entschluss. Von allen Seiten trafen mich kritische und neugierige Blicke.
Verdammt! Wäre die Schule nur doch ein wenig größer gewesen, dann hätte ich wohl nicht so ein Aufsehen erregt. Doch so sah jeder auf den ersten Blick, dass ich hier neu war.
Die zwanzig Meter über den breiten Korridor bis zur rettenden Tür des Sekretariats kamen mir wie ein Spießrutenlauf vor. Ich musste mir selbst eingestehen, dass mich die Anwesenheit meines großen Bruders enorm beruhigt hätte, selbst wenn er mitunter eine unselbständige Nervensäge sein konnte. Warum musste ich nur immer die Starke markieren? So stark
war ich doch gar nicht.
Eine nette Sekretärin begrüßte mich und fragte, ob sie mich zu meinem ersten Klassenraum begleiten solle. Wieder lehnte ich ab, noch ehe sie ihr Angebot überhaupt ausformulieren konnte.
Unverbesserlich! Du bist unverbesserlich, Emily!
Die gute Frau gab mir einige Formulare, die ich noch ausfüllen musste und ein paar andere, die ich ihr von den Lehrern unterschrieben zurückbringen sollte. Dann entließ sie mich auch schon wieder mit einem breiten Grinsen. „Ich wünsche dir einen wunderschönen ersten Tag, Liebes!“
Hmpf! Ja, klar!
Ich schluckte schwer, rang mir ein Lächeln ab, das mit Sicherheit eher so wirkte als würde ich an Blähungen leiden und wandte mich ab.
Das erste Fach auf meinem Plan lautete Geschichte. Als ich den Raum betrat, herrschte völliges Chaos. Alle liefen wild durcheinander, die Jungs warfen mit dämlichen Papierfliegern, wie Zweitklässler, und die Mädchen standen in mehreren Grüppchen zusammen, kicherten auffällig albern und lästerten offensichtlich über die Mädchen der jeweils anderen Gruppen. Erst als ein ziemlich breit gebauter Junge rückwärts lief um einen der Flieger aufzufangen und mich dabei so stark anrempelte, dass mir meine Bücher aus dem Arm fielen, bemerkten die ersten Schüler meine Anwesenheit. Und dann bemerkten sie mich schlagartig
alle.
Na super!
Siebzehn Augenpaare richteten sich auf mich; plötzlich war es so ruhig, dass man die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können.
„Hallo, du bist Emily, richtig?“, fragte schließlich ein Mädchen direkt neben mir. Sie hatte als Einzige genug Mitleid, mich zu erlösen. Sofort fiel mir etwas auf: Sie stand bei keiner der Mädels-Gruppen, sondern saß allein an einem Tisch. Überhaupt schien bis zu diesem Zeitpunkt niemand Notiz von ihr genommen zu haben.
Sehr sympathisch!
„Ja, hallo!“, erwiderte ich und erschrak vor meiner eigenen Stimme, die vor Nervosität deutlich schwankte. Schnell räusperte ich mich.
„Ich bin Kathy”, stellte sich das Mädchen vor.
Sie trug eine schmale Brille, war dunkelblond, blauäugig und ziemlich unauffällig - weit entfernt von hässlich, aber auch nicht übermäßig hübsch.
Durchschnittlich, stellte ich erleichtert fest, und beschloss, dass Kathy ein erstes aufrichtiges Lächeln wert war.
Durchschnittlich war gut - kein Snob, nein, so sah sie wirklich nicht aus. Sie trug ein simples T-Shirt und modische Bluejeans von einer No-Name-Marke.
Sehr sympathisch!
In diesem Moment betrat unser Geschichtslehrer den Raum. Ein großer, hagerer Mann, der mich mit seinem runzeligen Gesicht an eine vertrocknete Feige erinnerte und sich als Mr Sheppard vorstellte.
Wenig später stellte sich heraus, dass seine Art zu unterrichten genauso trocken und langweilig war wie sein Äußeres.
Ohne ein einziges Wort der Begrüßung unterschrieb er mein Formular und verwies mich mit ausgestreckter Hand auf den freien Platz neben Kathy, die mich erneut freundlich anlächelte.
Dass die Chemie zwischen uns beiden von der ersten Sekunde an stimmte, blieb das einzig Positive an diesem Tag.
Dabei war es nicht etwa so, dass sich die anderen Schüler mir gegenüber nicht nett verhalten hätten. Im Gegenteil - sie waren
zu nett. Offensichtlich hatte es sich im Vorfeld bereits herumgesprochen, dass die Neue die Tochter eines Produzenten und Regisseurs war. Und so stand ich immer wieder im Mittelpunkt des Geschehens, was mir – milde ausgedrückt – nicht besonders lag.
Sobald wir die Klassenräume wechselten, bildeten sich Trauben neugieriger Mitschüler um mich herum, die mich mit unzähligen Fragen bombardierten.
Bereits in meiner ersten Mittagspause bekam ich drei Partyeinladungen, das Angebot den Cheerleadern beizutreten, sowie - ich fasse es bis jetzt kaum - die erste schüchterne Anfrage zu einem Date. Ich lehnte alles ab, so höflich und charmant wie ich es eben hinbekam.
Nach meinem ersten amerikanischen (und erstaunlicherweise recht guten) Kantinen-Mittagessen war ich fertig mit der Welt. Die Situation überforderte mich maßlos.
Zuhause in Manchester stand ich nie im Mittelpunkt. Man akzeptierte mich, ließ mich in Ruhe und gab mir die Freiheit, mich in meiner Haut wohl zu fühlen. Nur keine übermäßige Aufmerksamkeit – die hatte ich instinktiv immer gemieden. Ich war weder besonders beliebt, noch verhasst. Nur ... schwer wahrnehmbar. Wie ein Schluck Wasser: Ich schmeckte nicht besonders, schadete aber auch niemandem und konnte bisweilen sogar nützlich sein, ohne danach zu lange im Gedächtnis zu bleiben.
Das Modell
Graue Maus stand mir gut und hatte, bis zu diesem verfluchten Tag, immer prächtig funktioniert.
Doch hier, in diesem fremden Land, an diesem neuen Ort, scheiterte meine Strategie. Am liebsten hätte ich mich irgendwo verkrochen - tief, tief unter der Erdoberfläche. Natürlich gab es kein Entkommen und die Fragen meiner Mitschüler nahmen kein Ende.
Kathy schien sich als Einzige nicht im Geringsten dafür zu interessieren, was mein Dad machte, wie groß unser Haus war und ob ich schon zum Shoppen in der Stadt gewesen war. Ein top gestyltes, hellblondes Mädchen, dessen Namen ich schon längst wieder vergessen hatte (Holly, Halley, Hayley?), fragte schließlich das, was wohl einigen anderen auch schon auf der Zunge brannte:
„Du hast deinen Dad doch sicher schon zu den großen Preis-Verleihungen begleitet, nicht wahr? Kennst du viele Stars? Zac Efron vielleicht oder ... Johnny Depp?“ Als ich mit einem Kopfschütteln antwortete, das sich mit jeder ihrer Fragen nur weiter in die Länge zog, kassierte ich zunächst enttäuschte, später sogar ungläubige Blicke. Als würde ich mich weigern, mein
exklusives Leben mit ihnen zu teilen.
Niemand konnte sich vorstellen, dass es bei uns daheim ganz normal zuging. Unser Vater hatte immer schon sorgfältig darauf geachtet, Jason und mich so wenig wie nur irgend möglich mit dem Filmbusiness in Berührung zu bringen. Und mir war das – im Gegensatz zu Jason – absolut recht.
Kathy rettete mich schließlich. Ihre wenigen Fragen unterschieden sich sehr von denen meiner anderen Mitschüler. Sie fragte mich nach England, ob ich mich in
Little Rose schon gut eingelebt hätte, und zeigte sich erstaunt, als ich ihr berichtete, Jason und ich seien erst am Tag zuvor hier angekommen.

Einige meiner Mitschüler verloren bereits nach den ersten Tagen ihr Interesse an mir, feindeten mich jedoch auch nicht an. Andere hingegen ließen mich sehr schnell schon spüren, dass
ich es war, den sie für den abgedrehten Snob hielten. Ich war mir ziemlich sicher, mittlerweile als `Emily, die arrogante Tochter des großen britischen Regisseurs´ einen zweifelhaften Bekanntheitsgrad erlangt zu haben, aber was kümmerte es mich, was die anderen sagten oder dachten, solange sie mich nur in Ruhe ließen.
Erleichtert registrierte ich, dass sich die Traube meiner Mitschüler täglich stärker lichtete und langsam, aber beständig auf eine halbwegs erträgliche Größe zusammenschrumpfte. Nur die hartnäckigsten unter ihnen hatten sich nach drei Wochen noch gehalten.
Darunter Lee, mein ständiger Begleiter, der eigentlich ganz nett aber eindeutig zu intelligent war um für länger als eine Mittagspause unterhaltsam zu sein. Seine Lieblingsthemen waren Mathematik und die Systemneuerungen seines Computers.
Dann gab es noch Tom, der mich immer wieder an einen gigantischen Teddybären erinnerte. Er war groß und stämmig und litt ganz offensichtlich unter Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium, zumal er sich mein `
Nein´ bezüglich eines Dates mit ihm keine zwei Stunden lang merken konnte. Ungefähr fünfmal täglich holte er sich seine Abfuhr ab, was seiner blendenden Laune jedoch niemals einen Abbruch tat. Allein schon für diesen unverwüstlichen Optimismus respektierte ich ihn aufrichtig. Tom war bestimmt nicht der Hellste (wahrscheinlich würde er ein College nur aufgrund eines „Baseballstipendiums“ besuchen dürfen), aber bis auf seine nervigen Anmachaktionen war er eigentlich ganz nett und im Gegensatz zu Lee durchaus amüsant.
Und dann gab er da natürlich noch Kathy, die schnell zu einer echten Freundin wurde. Meiner einzigen.
Alles in allem entspannte sich die Lage langsam aber sicher. Ich fing gerade an, mich einigermaßen wohl zu fühlen, da kam er: Jason!
Ungebeten, unerwartet und ganz gewiss
nicht uneigennützig tauchte mein gutaussehender Bruder exakt drei Wochen nach meinem ersten Tag vor meiner Schule auf und zerstörte meine mühevoll erarbeitete Ruhe damit schlagartig.
Lässig stand er in der Eingangstür, seinen Motorradhelm in der einen, meinen Helm in der anderen Hand, und grinste mich breit an. Ich wusste genau, warum er hier war.
Dieser erbärmliche …
„Jason, mach dass du hier wegkommst!“, zischte ich möglichst unauffällig zwischen zusammengepressten Zähnen hindurch, als ich mich mit emotionsloser Miene an ihm vorbeiquetschte.
„Warum?“, fragte er mit diesem unverhohlenen Grinsen im Gesicht, das seine blauen Augen glühen ließ. Er legte den Kopf schief und einen Arm um meine Schultern. Schnell schüttelte ich ihn ab.
„Weil du die Mädels aufscheuchst, wie ein Hahn die Hennen. Und ich hab sie dann wieder am Hals!“, presste ich wütend hervor. Nicht, dass er diese Antwort gebraucht hätte, aber sie schien ihm zu gefallen.
Jedenfalls lachte er lauthals auf und legte seinen Arm zurück um meine Schultern. Es sah ganz locker aus, aber er übte genug Druck aus, um meine erbärmlichen Abschüttel-Versuche zu vereiteln.
„Na ja. Du hast es in drei Wochen nicht geschafft, auch nur
eine Freundin mit nachhause zu bringen. Also musste ich jetzt langsam mal zur Tat schreiten. Ich bin Besseres von dir gewohnt, Emmy.“
„Gott, Jason, musst du denn nicht studieren?“, stöhnte ich genervt auf. Gleichgültig zuckte er mit den Achseln.
„Nö, erst im Oktober, weißt du doch. Bis dahin bin ich frei wie ein Vogel.“
„Hmmm!“, grummelte ich wütend.
Super! Schon starrten die ersten Mädels zu uns herüber. Ja, Jason sah wirklich gut aus, das sah sogar ich als seine Schwester.
Mit seinen dunklen Wuschelhaaren und den strahlend blauen Augen, in denen immer etwas Kindliches, Unbeschwertes funkelte, stahl er sich mühelos in die Herzen der Mädchen ... und brach eins nach dem anderen.
Mit diesem dreisten Auftritt à la
großer, treusorgender Bruder kommt in die Schule seiner Schwester, um sie mit seinem obercoolen Motorrad abzuholen, stellte er jedenfalls sogar seine eigenen vorangegangenen Aufreißaktionen in den Schatten.
Und natürlich verfehlte seine Schauspieleinlage ihre Wirkung nicht.
Nur einen Tag später, nachdem ich ungefähr hundertmal hatte klarstellen müssen, dass Jason nicht mein Freund, sondern mein großer Bruder war, scharten sich die Mädels wieder nur so um mich - getrieben von der Hoffnung, ein Wiedersehen mit Jason arrangieren zu können.
Erschöpft zählte ich die verbleibenden Tage bis zu den Sommerferien.

Aber ab heute - so versicherte ich meinem Spiegelbild nun und zwang mich damit zurück in die Gegenwart -, ab heute würde alles vollkommen anders werden.
Der Tag würde neue Schüler mit sich bringen, denn die gab es schließlich in jedem beginnenden Schuljahr.
Egal ob sie frisch hinzugezogen waren, oder ob sie einfach die Schule gewechselt hatten. Vielleicht bekamen wir auch nur einige Leuchten, die eine Ehrenrunde drehen mussten. Selbst das würde wahrscheinlich funktionieren. Auch sie würden die Aufmerksamkeit der hungrigen Meute für einige Wochen auf sich lenken.
Ich war nicht mehr die Neue!

Zufrieden begab ich mich unter die Dusche. Als ich die Knoten meiner Haare entwirrt und meine Locken glattgeföhnt hatte, entschied ich mich für eine schlichte grüne Bluse und meine verwaschenen Lieblingsjeans. Pfeifend und für meine Verhältnisse nahezu leichtfüßig, lief ich die Treppe hinab, schnappte mir im Rausgehen einen Apfel und verließ das Haus.




















II.


Wie immer, wenn ich das winzige Fahrzeug auf dem viel zu großen Stellplatz erblickte, legte sich ein Grinsen über mein Gesicht.
Mein Mini!
Schwarz-weiß glänzte der Lack in der warmen Morgensonne. Ich liebte dieses Auto, es war mein ganzer Stolz. Mein Dad hatte es mir zum Geburtstag geschenkt. Oder zum bestandenen Führerschein, wie auch immer. Denn den hatte ich in Rekordzeit gemacht und die Prüfung direkt an meinem siebzehnten Geburtstag absolviert.
Stolz hatte ich die kleine Karte entgegengenommen. Der große Schriftzug in der Kopfzeile, `
CALIFORNIA´, störte mich ein wenig, aber Himmel, es war ein Führerschein. Nein, nicht irgendeiner.
Mein Führerschein!
Für irgendetwas musste Amerika schließlich gut sein. Und auch Jason, denn der hatte mit mir geübt. Nachdem mein Dad bei meinen ersten Fahrversuchen um ein Haar kollabiert wäre, beschlossen wir gemeinsam, dass Jason in diesem speziellen Fall der bessere Mentor wäre. Erstaunlicherweise klappten meine Bemühungen mit ihm hervorragend.

Summend fuhr ich die breite Straße entlang, die links und rechts von Palmen gesäumt war. Unser Leben hier kam mir immer noch wie ein zu lang geratener Urlaub vor, und meine Sehnsucht nach England war teilweise fast unerträglich groß, doch an diesem Morgen hatte ich keine Muße für Heimweh. Dafür war ich zu unbeschwert.
Kathy wartete schon vor der Schule auf mich. Die Arme vor ihren Büchern verschränkt, hüpfte sie freudig auf und ab, als ich um die Ecke bog.
„Emily, hallo!“, rief sie und lief mir entgegen. Mitten auf dem Parkplatz fielen wir uns in die Arme.
„Mann, es war `ne verdammt lange Zeit ohne dich“, gestand ich und drückte sie an mich.
„Ja, da hast du recht, es war wirklich verdammt lang“, erwiderte Kathy mit einem Nicken. „Aber es ist auch viel passiert. Ich war doch in diesem Camp, und ich dachte, es würde furchtbar langweilig werden, aber es war eigentlich ganz okay.“
Und schon hatte sie sich bei mir untergehakt und versank in ihrem ausgiebigen Ferienreport. Nebeneinander überquerten wir den Pausenhof. Ich liebte Kathys unbeschwerte Art. Sie war eigentlich immer gut gelaunt und der Gesprächsstoff ging ihr niemals aus; dennoch verfügte sie über ausreichend Einfühlungsvermögen, um nicht nervig zu werden. Und sie konnte eine wirklich geduldige Zuhörerin sein. Nur ihr hatte ich erzählt, wie sehr ich England wirklich vermisste und nur sie hatte mich schon in unserem neuen Haus besucht. Jason schenkte ihr nicht mal die leiseste Beachtung und Kathy ließ das völlig kalt.
Wie gesagt, sehr sympathisch, die Gute.
Als ich nun den fröhlichen Schilderungen ihrer Urlaubserlebnisse lauschte, bemerkte ich, wie sehr ich sie wirklich vermisst hatte und war dankbar dafür, in meiner kurzen Zeit hier schon eine so gute Freundin gefunden zu haben. Wir hatten fast alle Kurse gemeinsam und auch unsere Schränke standen in unmittelbarer Nähe zueinander. Als wir die Taschen und nicht benötigten Bücher darin eingeschlossen hatten, machten wir uns auf den Weg zu unserer Geschichtsklasse.
Von allen Seiten wurden wir herzlich begrüßt. Lee und Tom stürmten laut rufend auf uns zu. Als Tom mich anhob und sich mit mir im Arm um seine eigene Achse drehte, bekam ich – nebst Schwindelanfall – ein schlechtes Gewissen. Sie hatten mich tatsächlich vermisst.
Im Klassenraum herrschte ein noch heftigeres Chaos als sonst.
Wiedersehensfreude, Ausgelassenheit und der eindeutig zu hohe Testosteronspiegel der Jungs prallten hier aufeinander und sorgten für einen ohrenbetäubenden Lärm, bis Mr Sheppard die Klasse betrat und lautstark um Ruhe bat.
Gewohnt nüchtern begann er das neue Schuljahr, indem er noch einmal seinen Namen an die Tafel schrieb und direkt darunter das Thema, das wir in den kommenden Wochen behandeln würden.
Französische Revolution.
Na super, schon wieder.
Genervt pustete ich mir die Haare aus der Stirn. Das fing ja echt gut an.
Dieses Thema war in England schon grottenlangweilig gewesen. Die Vorstellung, dass Mr Sheppard, mit seiner ohnehin schon einschläfernden Art, ausgerechnet diesen zermürbenden Stoff behandeln würde, war schlichtweg grausam.
Ich seufzte schwer und ließ meinen Blick durch den Klassenraum wandern. Enttäuscht fiel mir auf, dass kein einziges neues Gesicht zu sehen war.
Verdammt!
Doch gerade als meine positive Laune wie ein Kartenhaus im Wind zu kippen drohte, klopfte es an der Tür. Im nächsten Moment wurde sie geöffnet und ein Mädchen trat ein.
Na ja,
trat ein trifft es nicht so ganz. Eigentlich hüpfte sie eher herein, mit weit ausgebreiteten Armen, in einer sich selbst präsentierenden Geste.
Sie war klein und zierlich, hatte riesige dunkle Augen und ebenso dunkle, schulterlange Korkenzieherlocken, die ihre fein geschnittenen Gesichtszüge umrahmten.
Ihre Bewegungen waren grazil und anmutig ... und wirkten völlig fehlplatziert. Denn das Mädchen hüpfte mit einem eleganten Satz über die Schwelle des Klassenraums und kam mit hochgerissenen Armen direkt vor Mr Sheppards Pult zum Stehen.
Die Geste wirkte wie die einer Ballerina, die soeben ihr Solo beendet hatte und nun auf ihren Applaus wartete.
Sie war bildhübsch ... und definitiv neu, dessen war ich mir absolut sicher.
Doch noch ehe ich realisierte, dass ich mit offenem Mund dasaß, ging ein Raunen durch die Klasse, unmittelbar gefolgt von den spitzen Schreien einiger Mädchen, die im gleichen Moment aufsprangen und ungläubig die Hände vor den Mund schlugen. Auch Kathy gehörte dieser offenbar fassungslosen Gruppe an.
„Lucy!“, riefen andere, die sich ebenfalls ruckartig erhoben und ihre Stühle dabei geräuschvoll über den Boden zurückschoben. Und dann setzte der Herdentrieb ein. Sämtliche Schüler stürmten auf das winzige Mädchen namens Lucy zu; nur ich blieb verdutzt zurück.
Die anderen umarmten die (offenbar nicht ganz so) Neue der Reihe nach und überhäuften sie mit tausend Fragen. Sie lachte. Fröhlich, hell und glockenklar. Der Klang ihrer Stimme passte perfekt zu ihrem Äußeren.
„Mann, ich wusste gar nicht, dass ihr wieder da seid“, oder
„Wir haben dich so sehr vermisst“, oder
„Seid ihr nur zu Besuch hier oder bleibt ihr?“, waren Sätze, die ich aufschnappte, doch Lucys Reaktionen konnte ich bei diesem Geräuschpegel nicht hören.
Entweder war ihre Stimme zu sanft, was mich nach dem Klang ihres Lachens nicht verwundert hätte, oder sie war zu überwältigt von diesem herzlichen Empfang um überhaupt antworten zu können. Allerdings schloss ich aus dem unmittelbar einsetzenden Gekreische der Mädels und dem Grölen der Jungs, dass Lucy die bange Frage nach ihrer Aufenthaltsdauer zur allgemeinen Zufriedenheit beantwortet hatte.
Für kurze Zeit wurde es ein wenig ruhiger und ich lauschte gespannt, im Versuch irgendetwas von der Unterhaltung mit dem neuen Mädchen mitzubekommen, als plötzlich ein neues Raunen durch die Traube meiner Mitschüler ging. Ich konnte nicht erkennen, was der Auslöser dafür war, so dicht standen alle um Lucy herum.
„Adrian!“, rief Lee. Als wäre sein Ausruf ein Signal gewesen, steigerte sich der allgemeine Geräuschpegel schlagartig wieder zu dem aufgeregten Begrüßungsgejohle von zuvor. Ich versuchte, einen Blick auf diesen Adrian zu erhaschen, doch es war unmöglich.
Wahrscheinlich ist er nicht viel größer als Lucy, schoss es mir plötzlich durch den Kopf.
Erst als Mr Sheppard sich Minuten später durchsetzen konnte und unter der Androhung von Klassenbucheinträgen zur Ruhe rief, lichtete sich die Horde der Schüler langsam. Die ersten setzten sich zurück auf ihre Plätze ... und dann sah ich ihn.
Seine Gesichtszüge waren geradlinig und schön. Sie wirkten so eben, als wären sie gemeißelt – das Meisterstück eines großen Bildhauers.
Der Junge hatte warme braune Augen, die längst nicht so dunkel wie Lucys waren, und um seinen Kopf wellte sich hellbraunes Haar. Im Licht der Sonne, welches das Klassenzimmer gewohnt grell durchflutete, hatten seine Haare einen goldenen Glanz.
Ebenso wie Lucy grinste auch Adrian über das ganze Gesicht. Nicht verlegen oder peinlich berührt, sondern offen und glücklich. Absolut sympathisch. Mit nur einem Blick erkannte ich, dass die beiden Geschwister sein mussten; sie ähnelten einander sehr.
Kathy setzte sich zurück neben mich und wirbelte dabei die Luft ein wenig auf. Ich spürte den sanften Zug an meinem Zäpfchen und realisierte, dass ich schon wieder mit offenem Mund dasaß. Weitere peinliche Sekunden verstrichen, bis mir endlich einfiel, wie man die Kinnlade schließt.
Der Junge, Adrian, ließ seinen Blick durch das Klassenzimmer gleiten und blieb dabei an mir hängen. Er lächelte und nickte mir kurz zu. Was für eine Geste. So erwachsen und …
höflich. Ich nickte hastig zurück und senkte dabei schon verlegen meinen Blick.
„Mr Franklin, nehmen sie doch dort drüben am Fenster … ähm … Platz”, sagte Mr Sheppard in diesem Moment. Sein leicht verunsicherter Ton blieb mir nicht verborgen, aber in diesem Moment verstand ich seine offensichtliche Verklemmung noch nicht. Der Typ war eigenartig.
„Sehr gerne, ich rolle“, erwiderte Adrian fröhlich und setzte sich in Bewegung. Jetzt erst bemerkte ich es: Er saß in einem Rollstuhl.
Sein schönes Gesicht hatte mich so sehr vereinnahmt, dass mir nichts anderes an ihm aufgefallen war. Nun jedoch sah ich, wie stark sein Oberkörper gebaut war und wie schmächtig seine Beine dagegen wirkten. Mühelos manövrierte er sich durch den schmalen Gang.
Die anderen Schüler schienen ein eingespieltes Team zu sein, was den Umgang mit Adrian und seiner besonderen Situation anging. Sofort rückte man auf der einen Seite des Klassenzimmers etwas enger zusammen, um den Gang zwischen der Fensterreihe und den Tischen in der Mitte des Raums zu verbreitern. Lee schnellte hilfsbereit zu Adrians neuem Platz, um den unnötigen Stuhl zur Seite zu ziehen. Der schlaksige Ben, der bisher allein an dem Tisch gesessen hatte, rückte zum Fenster durch, damit Adrian ungehindert neben ihn rollen konnte. Adrian begrüßte seinen neuen Tischnachbarn mit einem freundschaftlichen Klaps auf die Schulter und einem komplizierten Abschlagritual, das zwar ein wenig eingerostet wirkte, aber dennoch gelang und den beiden ein Grinsen entlockte.
Lucy nahm derweil direkt an dem Tisch vor uns Platz, neben Lee, dessen Wangen glühten, so sehr strahlte er. Lucy erwiderte sein Lachen ohne Zurückhaltung und drückte seinen Oberarm. Das fiel mir auf, weil keines der anderen Mädchen – Kathy und mich ausgeschlossen – Lee je berührt hatte. Er war der Typ Junge, der von anderen in seinen Spind eingeschlossen wurde und allgemein als Freak galt, wenn auch als harmloser. Nur Tom ließ ihn in Ruhe und bot ihm dann und wann Rückhalt vor den anderen.
„Wo ist ... ähm ... Noah?“, flüsterte Kathy.
Lucy wandte sich noch einmal kurz zu uns um. „Er ist im selben Kurs wie wir. Kommt bestimmt gleich nach, ... denke ich“, erklärte sie mit einem Schulterzucken.
Dann fiel ihr Blick auf mich. „Hallo, ich bin Lucy“, sagte sie lächelnd.
„Ähm ja, … hallo, ich bin Emily”, begrüßte ich sie und fragte mich im selben Moment, warum ich mir plötzlich so mickrig vorkam. Hitze durchflutete meinen Körper und zog sich fast schmerzhaft intensiv durch meine Wangen. Ohne jeden Zweifel war mein Gesicht mal wieder feuerrot.
Dabei schien Lucys Lächeln aufrichtig gemeint zu sein – ein Lächeln ohne versteckte Rivalität oder sonstige Hintergedanken. Eines der seltenen Art unter Mädels unseres Alters.
So viele Mädchen hatten mich schon mit kaum verhohlener Geringschätzung angesprochen, ohne dass ihr unterkühltes Lächeln ihre Augen je erreicht hätte.
Dennoch hatte mich kein argwöhnischer Blick je so verunsichert wie nun Lucys offener, herzlicher.
Sie drehte sich erst wieder um, als Mr Sheppard mit strenger Miene Aufmerksamkeit forderte.
„Leute, aufgepasst! Sicher ist es schön, dass ihr euch wieder seht, aber ihr habt schließlich die Pause und jede Menge Freizeit, um euch auszutauschen. Also wenden wir uns nun wieder der Französischen Revolution zu. ... Eure Bücher bitte, Seite 234!“
Lucy grinste Lee noch einmal zu, drückte dabei wieder seine Hand und schlug dann ihr Buch auf. Fragend sah ich zu Kathy, die meinen Blick sofort richtig verstand.
Sie kritzelte auf den Rand ihres Schreibblocks, und neugierig wie ich war, las ich bereits, während sie noch schrieb.

Adrian und Lucy Franklin. Haben früher hier gelebt, waren die letzten zwei Jahre aber irgendwo in Frankreich (Mutter ist Französin). Zu den beiden gehört noch ein Ado…

In diesem Moment schreckte ich hoch, denn die Tür wurde erneut aufgerissen; dieses Mal allerdings brüsker, ohne ein ankündigendes Klopfen.
Ein großer Junge betrat den Klassenraum mit weiten, festen Schritten.
Ein kurzer Blick auf ihn wäre mit Sicherheit ausreichend gewesen, um Adrian vom Thron meiner mentalen Rangliste der bestaussehenden Typen auf seinen ewigen zweiten Platz zu verdrängen.
Ja, ein ganz kurzer Blick hätte wohl wirklich gelangt ... hätte ich meine Augen nur wieder von ihm lösen können.
Dieser Junge, der lediglich mit einem zweifelhaften Brummen begrüßt wurde, auf das er in keiner Weise reagierte, war wirklich unglaublich schön.
Auch er hatte absolut ebene, symmetrische Gesichtszüge. Seine Nase war schmal und gerade, die großen Augen auffallend hell – ohne dass ich in diesem ersten Moment ihre Farbe hätte bestimmen können -, die Lippen voll und perfekt geschwungen. Er hatte hohe Wangenknochen und ein ausgeprägtes Kinn mit einem leichten Grübchen. Oder war es eine kleine Narbe, die nur wie ein Grübchen aussah?
Seine dunkelblonden Haare waren weder kurz, noch lang und fielen anbetungswürdig chaotisch. Sein Kopf musste voller Wirbel sein, so wirr wirkten sie.
Doch obwohl sein Äußeres mich binnen eines Herzschlages fesselte und faszinierte, fielen mir am Rande meines Bewusstseins mehrere Dinge gleichzeitig auf:

1.) Er sah weder Lucy noch Adrian ähnlich.
2.) Er bekam von unseren Mitschülern nicht mal annähernd dieselbe Aufmerksamkeit wie die beiden Rückkehrer vor ihm.
3.) Die anderen Mädchen, denen sein Aussehen anscheinend auch aufgefallen war und die ihn für einige Sekunden ebenso ungeniert angegafft hatten wie ich, schüttelten der Reihe nach ihre Köpfe, als wollten sie sein Bild vertreiben und sich zur Besinnung rufen. Eine nach der anderen verschanzte sich hinter ihrem Geschichtsbuch.
4.) Überhaupt sah niemand (außer mir selbst) ihn länger an und
5.) Er selbst sah auch niemanden an.

Und dann bemerkte ich, was ihn am deutlichsten von Lucy und Adrian unterschied. Der Ausdruck seiner Augen war nicht so fröhlich und offen; er wirkte distanziert und ruhig. Eventuell deutete ich seinen Blick sogar zu freundlich, denn mit weniger Begeisterung hätte man auch leicht Arroganz in seine Miene interpretieren können.
Kathys Bewegungen neben mir rissen mich aus meiner Verzücktheit. Eilig krakelte sie auf ihren Zettel.

Voilà: Noah Franklin, Lucys und Adrians Adoptivbruder!


Adoptivbruder. Meine Augen glitten mehrfach über dieses Wort.
Gut, das erklärte die fehlende Ähnlichkeit.
Ich nickte hastig und versuchte, es so belanglos wie möglich wirken zu lassen. Niemand sollte merken, wie sehr mich seine Ankunft aus der Bahn geworfen hatte. Ich konnte ja selbst kaum fassen, dass ausgerechnet
mich jemand derart leicht aus der Fassung bringen konnte.
Äußerlichkeiten … als ob ich jemals zuvor Wert auf Äußerlichkeiten gelegt hatte.

Noah war inzwischen mit nur drei gleichermaßen entschlossen wie elegant wirkenden Schritten zum Lehrerpult gelangt und hatte seine Formulare stillschweigend vor Mr Sheppard abgelegt. Kein einziges Wort der Begrüßung kam über seine schönen Lippen.
Überhaupt war es plötzlich sehr ruhig im Klassenraum.
Nicht mal Mr Sheppard sagte etwas. Kein
Hallo, keine Platzzuweisung, kein Tadel wegen der deutlichen Verspätung und der erneuten Störung seines Unterrichts (was ich ihm durchaus auch zugetraut hätte). Nichts.
Wortlos wandte sich Noah nun der Klasse zu und schritt mit starrem, nahezu ausdruckslosem Blick über den breiten Gang am Fenster.
Ein Stuhl quietschte über den Fußboden. Dieses Geräusch wirkte so übermäßig laut in der angespannten Stille, die Noah mit sich in den Raum gebracht hatte, dass sich alle siebzehn Augenpaare ruckartig auf diesen Stuhl und den dazugehörigen Lärmstifter richteten.
Der ewig coole Roger, der allein an einem Tisch in der letzten Reihe gesessen hatte, räumte seinen Platz mit wenigen Handgriffen und setzte sich freiwillig zu Rebecca, der allgemein unbeliebten Streberin der Stufe. Irgendetwas stimmte hier nicht.
Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, schritt Noah an sämtlichen Tischreihen vorbei und setzte sich an den nun freien Tisch.
Niemand außer mir beobachtete, wie er Platz nahm; alle anderen hatten ihre Köpfe bereits wieder abgewandt und die Nasen zurück in ihre Bücher gesteckt. Geräuschvoll zog Noah den Stuhl heran. Er war nun der Einzige, der ganz allein saß.
Was, zum Teufel … ???
„Ähm, ja“, räusperte sich unser Geschichtslehrer endlich.
„Also, wie gesagt: die Revolutionäre der Bewegung...“

Die Doppelstunde Geschichte verlief erwartungsgemäß langweilig ab. Eine Weile beschäftigte mich der Gedanke an den eigenartigen schönen Jungen noch, doch dann beobachtete ich Lucy und vergaß ihren Bruder darüber hinweg. Sie sah sehr nett aus. Allerdings schien das Thema sie ebenso wenig zu interessieren wie mich. Wann immer Mr Sheppard uns seinen Rücken zuwandte, malte sie auf den Rand ihres Schreibblockes. Ich konnte nicht genau erkennen, was sie zeichnete, doch ihre Handbewegungen wirkten wie ihre Schritte und ihr Lachen: Klar, fließend und federleicht. Alles in allem ergab Lucy ein schlüssiges Bild für mich. Ein Bild, das mich faszinierte. Mr Sheppard kannte keine Schonfristen. Er rief Lucy einige Male auf und immer kannte sie die korrekte Antwort auf seine Fragen, ebenso wie Adrian. Nur Noah wurde nicht abgefragt. Die Unterrichtsstunden verstrichen, langsam und zäh, ohne dass ich seine Stimme hörte.
Mit einem Mal, ich kaute gerade gelangweilt auf meinem Kugelschreiber herum, bemerkte ich, dass mich jemand beobachtete. Ein kurzer Seitenblick auf Adrian bestätigte meinen Verdacht. Freundlich lächelnd sah er mich an. Ich errötete so schnell, dass ich es nicht mal schaffte, rechtzeitig meinen Kopf zu senken.
Ebenso schlagartig wurde mir klar, dass sich meine Hoffnungen für den heutigen Tag erfüllt hatten: Die Neuen waren da und mit Sicherheit Gesprächsthema Nummer eins für die kommenden Wochen.
Dumm nur, dass nun
ich diejenige war, die mit Abstand am neugierigsten auf die drei war. Alle anderen kannten sie schließlich schon.
Ich konnte das Ende des Unterrichts kaum erwarten. Tausend Fragen lagen mir auf der Zunge, und ich brannte förmlich darauf, sie Kathy zu stellen.
Als es endlich soweit war und die erlösende Schulglocke ertönte, passierte das Erwartete. Meine Mitschüler stürmten direkt auf Lucy und Adrian zu und umzingelten sie erneut.
Ja, mein Wunsch hat sich wirklich erfüllt, dachte ich grinsend.
Keiner schien noch von mir Notiz zu nehmen, nicht einmal Tom, der Lucy fröhlich in den Schwitzkasten nahm und dann hilfsbereit Adrians Bücher trug.
Mit einem Mal fiel mir auf, dass sich niemand für Noah zu interessieren schien. Ich wandte mich um, doch sein Platz war leer. Die Klassentür stand offen; offensichtlich war er schon gegangen. Die anderen schienen das nicht einmal bemerkt zu haben.
Erst als wir über den Korridor liefen und unserem Biologiekurs entgegensteuerten, besaß Kathy die Güte, zumindest meine allerdringlichsten Fragen zu beantworten, indem sie zusammenfasste:
„Adrian und Lucy sind Zwillinge. Ihre Mutter ist gebürtige Französin. Sie wollte die französischen Wurzeln ihrer Kinder nicht total verkommen lassen und hat sie uns deshalb vor zwei Jahren, nach einem ... ähm, wirklich schlimmen Vorfall mit Noah, entführt. Die Zwillinge sind total lieb. Viele von uns sind schon zusammen zur Grundschule gegangen.“
„Und Noah?“, fragte ich neugierig. „Was ist mit ihm? Du hast geschrieben, er sei ihr Adoptivbruder.“
Sie nickte, sagte aber nichts weiter. Die Sekunden verstrichen still; wir hatten die Tür des Biologieraums schon beinahe erreicht.
„Er kam erst mit knapp zwölf Jahren zu den Franklins”, sagte Kathy endlich knapp.
„Mit zwölf?“, fragte ich verwundert. „So spät? Ist seinen Eltern etwas zugestoßen oder warum haben sie ihn adoptiert?“
Kathy zuckte mit den Schultern und sah mich tief an.
„Keine Ahnung, Emily. Über seine Vergangenheit spricht keiner. Noah lässt niemanden an sich heran. Er ist ... ziemlich fies, ehrlich gesagt und bestimmt eine große Bürde für die Familie. Ich habe keine Ahnung, wie Lucy und besonders Adrian so geduldig mit ihm sein können. Er ist wirklich ein Freak!“
Ihre harten Worte erschreckten mich. So kannte ich meine sonst so sanfte Freundin gar nicht. Dann legte sich Kathys Stirn in Falten und ich erkannte an dem Wandel ihres Blickes, der plötzlich ins Leere zu gehen schien, dass sie sich an etwas Unerfreuliches erinnerte.
„Du wirst ihn wohl noch kennen lernen”, murmelte sie bitter. „Noahs Ausbrüchen kann man kaum ausweichen. Und jetzt komm, wir sind spät dran.“
Die Franklin-Zwillinge besuchten den Biologiekurs, genau wie wir. Lucy und Adrian saßen nebeneinander an dem Tisch vor uns. Ich ertappte mich dabei, auf Noahs Erscheinen zu warten. Immer wieder blickte ich auf die geöffnete Tür. Vergeblich.
Auch dem darauffolgenden Chemiekurs blieb er fern.
In der Mittagspause saßen Kathy und ich an einem großen Tisch mit den Franklin-Zwillingen. Adrian kam als einer der Letzten dazu und Lee machte ihm sofort Platz, doch Adrian rollte weiter ... bis zu mir. Sein Tablett balancierte er dabei auf den Armlehnen seines Rollstuhls.
Er legte sein fröhliches, fast schon vertraut wirkendes Grinsen auf und zog eine Augenbraue etwas höher als die andere.
„Ist neben dir noch frei? … Ich hab meinen Stuhl auch schon mitgebracht”, sagte er und zwinkerte mir zu.
„Sicher“, erwiderte ich schnell und rückte etwas zur Seite um ihm einen besseren Zugang zum Tisch zu gewähren. Aus der Nähe betrachtet wirkte sein Gesicht noch schöner als von weitem. Seine Haut war auffallend makellos. Nicht, dass ich diesbezüglich Probleme gehabt hätte - wirklich, seitdem ich die Sonnenschutzmittel weg ließ, war meine Haut das Letzte, was mir an meinem Körper Sorgen bereitete - aber Adrians Haut war so rein und eben, dass ich fast den Drang verspürte, meine Finger auszustrecken und seine Wange zu berühren.
Er stellte sein Tablett auf dem Tisch ab und streckte mir seine rechte Hand entgegen.
„Emily Rossberg, richtig? Bist noch nicht lange hier, hm? Und jetzt kommen wir und stehlen dir einfach die Show.“
Sein breites Grinsen brachte die Grübchen in seinen Wangen zutage, in seinen braunen Augen flackerte es schelmisch. Ich brauchte wieder ein paar Sekunden, um diesen Anblick zu verdauen. Dann schüttelte ich hektisch den Kopf.
„Nein, das ist schon okay. Ich hasse es, im Mittelpunkt zu stehen.“
„Wirklich?“, fragte er mit hoch gezogenen Augenbrauen. „Dann hast du etwas mit meinem Bruder gemeinsam.“ Damit schob er sich eine Gabel Pommes in den Mund.
„So?“, fragte ich. Sofort war meine Neugier geweckt. Ich blickte mich suchend um und tat so, als würde ich jetzt erst feststellen, dass Noah nicht mit in die Kantine gekommen war. In Wirklichkeit hatte ich immer wieder verstohlen zum Eingang gelugt und gehofft ihn in der Menge der eintrudelnden Schüler zu entdecken. Vergeblich. Schon wieder.
„Wo ist dein Bruder eigentlich?“
Adrian blickte zu mir auf und stellte für einen Moment das Kauen ein. Er sah mir tief in die Augen, ähnlich bedeutungsvoll wie zuvor schon Kathy, und zum ersten Mal erkannte ich den Hauch von Unbehagen in dem sanften Braun. Es wirkte fast so, als würde er abwägen, was er auf meine Frage antworten solle. Ich hoffte auf die Wahrheit.
„Ähm, ... Noah geht nicht in die Kantine”, antwortete er endlich.
Er sagte das so bestimmt, als wäre es eine unumstößliche Tatsache. Wie etwas, das man in Stein gemeißelt hatte.
„Ach so?“, erwiderte ich und biss in meinen Apfel. Da nähere Erklärungen ausblieben, verbrachte ich die folgenden Minuten damit, nach möglichen Gründen zu suchen. Warum mied Noah die Schulkantine? Gut, das Essen war vielleicht nicht berauschend, aber fern ab von scheußlich. Es gab eine passable Auswahl an warmen und kalten Gerichten und man konnte sich auch allein an einen Tisch setzen, wenn man seine Ruhe haben wollte. Es waren immer genügend freie Plätze vorhanden. So, wie ich im Geschichtsunterricht die Reaktionen unserer Mitschüler beobachtet hatte, wäre Noah ohnehin unbehelligt geblieben. Niemand schien sich ernsthaft für ihn zu interessieren - was mir nach wie vor ein Rätsel war.
Kathy, die unser Gespräch mitbekommen hatte, zuckte mit den Schultern. „Ich hoffe, er lässt uns einfach in Ruhe. … Er kann von mir aus tun und lassen, was er will. Hauptsache, er rastet nicht wieder aus.“
Sie sah Adrian an, wieder mit diesem bedeutungsschweren Blick, dem ich zum ersten Mal an diesem Morgen begegnet war. Der senkte seinen Kopf. Plötzlich wirkte er fast ein wenig traurig, was glücklicherweise jedoch nicht lang währte. Kurz darauf kamen Ben und Lee an unseren Tisch und alberten mit ihm herum. Sofort tauchten die Grübchen in seinen Wangen wieder auf und ließen seine braunen Augen erstrahlten. Kathy hatte sich Lucy zugewandt, die in einem französischen Magazin blätterte und einigen Mädchen die neusten europäischen Modetrends präsentierte.
Das Thema Noah schien vergessen, doch nicht für mich.
Irgendetwas wussten sie alle. Es gab etwas Unausgesprochenes, was Noah betraf; ein Geheimnis, in das ich noch nicht eingeweiht war. Mit zusammengezogenen Augenbrauen beobachtete ich Kathy, bis sie mich ansah. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie die Frage in meinem Blick erkannte und auch verstand, doch sie senkte den Kopf und wandte sich wieder Lucy und den anderen zu.
Als die Pause vorbei war, setzte sich die Herde meiner Mitschüler in Bewegung. Man spürte, dass die meisten schon ihr ganzes Leben miteinander verbracht hatten. Jetzt, da die allgemeine Freude über die Wiederkehr der Franklins-Zwillinge herrschte (über Noahs Rückkehr schien sich ja niemand zu freuen), bewegte sich die große Gruppe in völliger Harmonie. Man lachte und scherzte, erinnerte sich gegenseitig an Anekdoten aus der gemeinsam verbrachten Kindheit und beachtete mich gar nicht.
Mir war das recht, gab es mir doch mein lang ersehntes
Graue-Maus-Dasein zurück.
Gedankenverloren trabte ich hinter meinen Mitschülern her und bummelte eindeutig zu lange an meinem Spind, denn als ich den Klassenraum betrat, war die Mathematiklehrerin bereits da und sah mich streng über ihre schmale Brille hinweg an.
„Miss Rossberg, richtig? ... Lassen Sie Verspätungen nicht zur Gewohnheit werden. Die Pause ist lang genug!“
Ich nickte beschämt und suchte den Raum nach Kathy ab um auf dem leeren Stuhl neben ihr Platz zu nehmen. Nun, sie saß im hinteren Drittel und warf mir einen entschuldigenden Blick zu, denn Lucy saß bereits neben ihr. Ein beklemmendes Gefühl machte sich in meinem Magen breit, doch ich lächelte tapfer und nickte ihr kurz zu.
Ganz hinten gab es noch einen unbesetzten Tisch. Kaum hatte ich Platz genommen, meine Schreibutensilien abgelegt und die entsprechende Seite meines verhassten Mathebuches aufgeschlagen, da flog die Tür polternd auf.
Vielleicht war es dieses Geräusch oder die Reaktion meiner Mitschüler - keine Ahnung. Doch im selben Moment, als mich der sanfte Luftzug streifte, wusste ich, dass nur
er das sein konnte.
Ohne einen Blick oder geschweige denn ein Wort mit irgendjemandem zu wechseln, stolzierte Noah durch den Gang bis zu meinem Tisch. Oder besser
unserem Tisch, denn ihm blieb nichts anderes übrig, als hier Platz zu nehmen. Alle anderen Stühle waren bereits besetzt. Und plötzlich machte es wieder Sinn, dass niemand allein saß. Dass sich Roger dieses Mal sogar neben Lee gesetzt hatte.
Warum mieden sie Noah so? Was war mit ihm?

Mit einem eigenartigen Geräusch, das weder ein Seufzen noch ein Räuspern war, plumpste er in den Stuhl neben mir. Mit offenem Mund gaffte ich ihn an. Noah tat so, als würde er es nicht bemerken (was zugegebenermaßen unmöglich war), doch ich beobachtete, wie sich seine Hände leicht verkrampften. Mrs Rodgins – bekannt als eine der strengsten Lehrkräfte an dieser Schule - verhielt sich völlig still. Sie tadelte Noah nicht, wie sie es zuvor mit mir getan hatte. Als sich die Tür öffnete, blickte sie für einen Moment von ihrem Buch auf, doch sobald sie Noah sah, senkte sie ihren Blick wieder und tat so, als hätte es nie eine Störung gegeben.
Warum beachtete ihn denn niemand?
Ich fand ihn eindeutig zu schön, um ihm keine Beachtung zu schenken. Besonders aus dieser neuen, unmittelbaren Nähe betrachtet. Er sah aus wie ein Model. Seine Haut war ebenso rein und makellos wie die seines Bruders. Was diese auffällige Besonderheit anging, hätten Adrian und er wirklich leibliche Geschwister sein können. Doch Noahs Ausdruck war sehr angespannt. Und irgendwie wirkte er ... müde?
Offensichtlich presste er die Zähne aufeinander, denn seine Kieferknochen traten deutlich hervor und ließen sein Kinn von Zeit zu Zeit zucken. Ich spürte, dass seine Anspannung eine Reaktion auf meinen Blick war, den ich – trotz der Erkenntnis - dennoch nicht abwenden konnte. Als er seinen Kugelschreiber zückte, fiel mein Blick auf seine Hände und ließ mich verkrustete Abschürfungen an einigen seiner Fingerknöchel entdecken.
Hatte er sich geprügelt?
Seiner verspannten Körpersprache zum Trotz bewahrten Noahs Augen den Ausdruck völliger Gelassenheit. Scheinbar nebensächlich schlug er sein Buch auf und lehnte sich dann weit in seinem Stuhl zurück. Durch die Bewegung schnappte ich endlich aus meiner Starre und wandte mich schnell Mrs Rodgins zu, die an der Tafel stand und endlose Formeln aufschrieb, deren logische Zusammenhänge sich mir nicht erschlossen.
Als wir nach einigen Proberechnungen selbstständig eine dieser Aufgaben lösen sollten, saß ich hoffnungslos aufgeschmissen vor meinem Buch.
Noah hingegen schien keine Probleme zu haben. In wenigen Minuten war er fertig und ließ sich demonstrativ gelassen gegen die Lehne seines Stuhles fallen; seinen Kugelschreiber pfefferte er dabei auf seine niedergeschriebene Aufgabe.
Diese Geste ärgerte mich, denn sie hatte etwas Überhebliches an sich, wie ich fand. Etwas Arrogantes, das mich in meiner verzweifelten Situation (neues Schuljahr, erste Stunde – und schon gescheitert) unsagbar störte. Außerdem ließ mich seine Schönheit nicht los und, was fast noch schlimmer war, erst recht nicht sein Duft. Noah roch so unglaublich gut. Nein, das ist untertrieben. Für mich roch er berauschend. Frisch und männlich und ... ach, ich wusste nicht wonach, aber dieser Duft,
sein Duft, raubte mir offensichtlich das letzte Fünkchen Verstand. Und zwar völlig gegen meinen Willen.
Ich wurde wütend, als mir meine Verwirrung im vollen Ausmaß bewusst wurde. Ich spürte förmlich, wie die Wut in mir hochkochte. Abgesehen davon, dass man mir genauso gut auch ägyptische Hieroglyphen hätte vorlegen können - von denen hätte ich vermutlich sogar noch mehr verstanden als von diesen dämlichen Algebraformeln –, hatte mich Noahs Anwesenheit so sehr abgelenkt, dass ich nicht mal mehr wusste,
welche der drei Aufgaben wir eigentlich lösen sollten.
Anstatt mich mit der verfluchten Formel zu beschäftigen, hatte ich immer wieder kurze Blicke auf Noahs wuschelige Haare und die fein gezeichneten Muskelstränge seiner Unterarme geworfen, während er fleißig schrieb.
Oder auf seine unfassbar langen Wimpern, die jedes Mädchen vor Neid hätten erblassen lassen. Oder auf die Schatten, die diese Wimpern auf seine Wangen warfen - und auf seine perfekt geschwungenen Lippen, die er beim Schreiben leicht schürzte. Und ganz besonders - immer und immer wieder - auf seine langen, filigranen Finger, die den Kugelschreiber hielten und ihn so leicht und sicher über das Papier führten, als würde er es gar nicht berühren.
Ahhh, Gott, Emily, was ist bloß los mit dir?
Als Noah sich nun neben mir streckte und hinter vorgehaltenem Handrücken gähnte, schwappte die Wut in mir über. Ich sah Rot, so zornig war ich. Wie eine giftige Schlange wandte ich mich ihm zu.
„Ist ja schön, dass du fertig bist, aber würde es dir etwas ausmachen, mich in Ruhe weiterarbeiten zu lassen?“
Oh, oh!
Diese Worte zischten viel härter zwischen meinen zusammen-gepressten Zähnen hervor, als ich es eigentlich beabsichtigt hatte. Erst als ich sie hörte, spürte ich, wie irrational mein Zorn war.
Was hatte er denn schon gemacht?
Im selben Augenblick geschah etwas Eigenartiges. Ich hätte schwören können, dass all unsere Mitschüler (und Mrs Rodgins) im selben Moment nach Luft schnappten. Sämtliche Augenpaare waren schlagartig auf uns gerichtet, und ganz am Rande meines Bewusstseins realisierte ich den Schock, der in den Blicken der anderen lag. Noah sah mich für die Dauer eines Wimpernschlages etwas verdutzt, ja, fast ein wenig eingeschüchtert an. Dann begann etwas in seinen markanten grün-blauen Augen zu flackern, das ich sofort als aufflammenden Zorn erkannte. Seine Finger verkrampften sich zusehends, seine Mundwinkel zuckten, seine Nasenflügel blähten sich bedrohlich auf. Er bebte förmlich ... und ich bekam schreckliche Angst.
Urplötzlich schob er seinen Stuhl zurück, erhob sich mit einer ruckartigen Bewegung, baute sich bedrohlich vor mir auf und beugte sich vor, sodass er beinahe senkrecht auf mich herabsah. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich die Befürchtung, er könne mich schlagen, doch dann versetzte er lediglich seinem Stuhl einen kräftigen Stoß. Reflexartig duckte ich mich und kniff die Augen zusammen. Ein erschrecktes Raunen ging durch die Klasse.
„Noah!“, rief Lucy. Ihre schöne Stimme überschlug sich beinahe unter seinem Namen. Nur einen bangen Herzschlag später stürmte Noah aus dem Klassenraum und schmiss mit voller Wucht die Tür hinter sich zu.










III.




Ein weiterer Herzschlag verstrich in absoluter Stille, dann brach um mich herum das Chaos los. Alle sprachen durcheinander, ihre Stimmen überschlugen sich ... und dann war Lucy mit einem Mal neben mir.
„Alles klar? Hat er dich erschreckt?“
Ich antwortete nicht, doch ihre Frage brachte mich ins Grübeln. Hatte er? Zweifellos, mein Herz schlug mir bis zum Hals, aber war ich ernsthaft schockiert? Nein, das Pochen meines Herzens fühlte sich irgendwie ... gut an.
Adrenalin, schoss es mir durch den Kopf.
Adrenalin-Stöße fühlten sich gut an, auch wenn man eigentlich unter Schock stand. Schnell schüttelte ich den Kopf.
Seine Stimme ... ich hab sie noch immer nicht gehört, dachte ich und wunderte mich im selben Moment über meine Enttäuschung.
Nun war auch Adrian an meiner Seite.
„Tut mir leid, Emily. Was ist denn passiert? Hast du ihn angefasst? Was hat Noah gemacht?“
Ja, was hatte er eigentlich gemacht?
„Nichts“, versicherte ich verdutzt, als mir erneut bewusst wurde, wie irrational meine Wut gewesen war. „Er hat gar nichts gemacht. Ich habe überreagiert, weil ich mich nicht konzentrieren konnte.“
Erneut entstand eine betretene Stille, die Mrs Rodgins nur wenig später mit ihrer schrillen Stimme durchbrach. Doch auch jetzt äußerte sie sich nicht zum dem Vorfall zwischen Noah und mir oder zu seinem fluchtartigen Verlassen ihres Unterrichts.
„Geht zurück auf eure Plätze und arbeitet weiter an der Aufgabe! Ihr habt noch zwei Minuten.“ Das war alles, Thema durch.
Um mir nicht die Blöße zu geben mit einem leeren Blatt dazusitzen, schrieb ich schließlich einen jämmerlichen Lösungsversuch auf, der mit Sicherheit sämtlicher mathematischer Logik entbehrte.
Lucy meldete sich als Einzige, um ihr Ergebnis zu präsentieren; ihr Zwillingsbruder schien schlichtweg keine Lust zu haben. Adrian blickte gedankenverloren aus dem Fenster, während Lucy ihre korrekte Formel an die Tafel schrieb, die übrigens an keiner einzigen Stelle mit meiner eigenen übereinstimmte.
Verdammt noch mal, bin ich wirklich so blöd?
Sobald Lucy die Kreide niederlegte und in ihre Hände aneinander rieb um sie zu säubern, kritzelte ich ihr Ergebnis so unauffällig wie möglich ab.
Tom klatschte Beifall. Lucy knickste elegant vor ihm und erntete dafür ein schallendes Gelächter der gesamten Klasse.
Selbst die sonst so steife Mrs Rodgins konnte sich das Lächeln nicht verkneifen. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich, dass Adrian die Augen verdrehte. Doch als seine Schwester an ihm vorbei zu ihrem Platz tänzelte und er kurz zu ihr aufsah, war sein Blick sanft und liebevoll. Obwohl er in seinem Rollstuhl saß und Lucy aufrecht lief, überragte sie ihn nur um etwa anderthalb Köpfe. Trotz ihrer Ähnlichkeit wirkten die Geschwister in diesem Moment sehr gegensätzlich. Adrian war nicht nur groß, sondern auch sehr muskulös und seine Augen und Haare waren heller als die seiner Schwester. Lucy hingegen war wirklich winzig; ihre großen Augen glänzten nahezu schwarz, was mir schon in der Kantine aufgefallen war. Ich hatte die Pupillen in der Iris kaum erkennen können. Die Farbe ihrer Haare glich der von gerösteten Maronen. Tiefbraun und warm.
Als Lucy im Vorbeigehen über die Schulter ihres Bruders strich, legte Adrian seine große Hand auf ihre winzige und drückte sie kurz.
Ich beobachtete diese liebevolle Szene zwischen den Zwillingen und fragte mich weiterhin, welche Rolle Noah in der Franklin Familie spielte. Berührte Lucy ihn auch so wohlwollend? Grinste Adrian ihn auch ab und zu so breit und gutmütig an?
Die Gedanken um den eigenartigen Jungen ließen mich nicht mehr los. Nicht einmal, als schließlich die Schulglocke erklang.
Frei!
Ich verschloss die Bücher, die ich nicht für meine Hausaufgaben benötigte noch in meinem Spind, verabschiedete mich von Kathy, die sich wie immer beeilen musste zu ihrer wartenden Mutter zu gelangen, und ging dann auf direktem Wege zu meinem Mini, der mich auf dem riesigen Parkplatz erwartete.
Neben meinem Winzling stand ein brandneuer, silberner VW Touareg, ein wahrhaftiges Monster von einem Auto. Ich erkannte das genaue Modell nur, weil es das neueste war – gut beworben und einer der unzähligen materiellen Wünsche meines Bruders.
Der Wagen stach mir sofort ins Auge, denn ich hatte ihn hier noch nie gesehen, da war ich mir absolut sicher.
„Hey Emily!“, rief jemand, und obwohl die helle Stimme hinter mir ähnlich fremd war wie der riesige Wagen vor mir, erkannte ich sie sofort.
„Hallo Lucy!“, antwortete ich daher, noch bevor ich mich ihr zuwandte. Die Korkenzieherlocken hüpften lustig um ihr hübsches Gesicht, als sie leichtfüßig auf mich zulief.
„Noah ist kein schlechter Kerl!“, sagte sie bestimmt, als sie mich erreicht hatte. „Es ist mir egal, was die anderen über ihn erzählen. Ich weiß, er hat ein gutes Herz.“
Okay?! ... Mit offenem Mund starrte ich sie an. Wie sollte ich darauf reagieren? Sekundenlang fiel mir nichts ein, bis ich schließlich einfach nickte und meinen Blick senkte. ... Auf ihre winzigen Füße, die sich auf die Zehenspitzen reckten und herabließen, immer wieder, und mit dieser hibbeligen Geste keine Zweifel zuließen: Lucy war noch nicht fertig!
Was...?
Ich richtete meinen Blick wieder auf und sah sie an. Ein breites Lächeln strahlte mir entgegen.
„Wir geben am Samstag Abend eine kleine `Back in Town´- Party. Es ist nichts Großes, aber ich würde mich sehr freuen, wenn du kommen würdest, Emily. Dann könnten wir uns in Ruhe und ohne die strafenden Blicke der Lehrer ein bisschen näher kennen lernen. Die Mittagspausen sind immer viel zu kurz. … Also, was meinst du?“
Ihre dunklen Augen glänzten erwartungsvoll; sie erinnerten mich an die eines aufgeregten Kindes vor dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum.
„Ich … ähm …“ Na super! War ich zuvor schon verwirrt gewesen, wusste ich jetzt überhaupt nicht mehr, wie ich reagieren sollte. Tausend Gedanken tobten in meinem Kopf. Ich versuchte, möglichst unauffällig und schnell das Für und Wider meiner gesammelten Eindrücke gegeneinander abzuwägen, um eine Entscheidung treffen zu können. Hinter Lucy erschien derweilen ein breit grinsender Adrian. Mit seinen kräftigen Armen stieß er die Räder seines Rollstuhls nur dreimal an, um den kompletten Parkplatz zu überqueren und sich zu uns zu gesellen. Lucy stellte sich hinter ihren Bruder und legte ihm die Hände auf die Schultern.
„Ich habe Emily gerade zu unserer Party eingeladen”, erklärte sie. „Aber irgendetwas scheint nicht mit ihr zu stimmen. Sie spricht nicht mit mir!“, Ihr Grinsen holte mich aus meiner Versunkenheit.
„Oh, ich weiß, warum sie nicht spricht”, behauptete Adrian. Sein Blick wurde plötzlich ernst.
„Von Noahs Stimmungsschwankungen darfst du dich nicht beeindrucken lassen, Emily. Für die ist er echt berühmt”, erklärte er fast tröstend. „Wohl eher berüchtigt“, murmelte ich finster und erntete damit ein Lachen der Zwillinge.
„Also, kommst du?“ Adrians Blick war fest und freundlich.
Es war unmöglich, sich ihm zu entziehen. Lucys wibbelnde Füße waren inzwischen entfesselt; nun hüpfte sie auf und ab. „Bitte, bitte, bitte!“, rief sie bei jedem Sprung.
Das Bild des aufgedrehten kleinen Mädchens festigte sich in meinem Kopf. Es war wirklich nicht schwer sich vorzustellen, wie Lucy als Kind gewesen sein musste.
„Kommt Kathy auch?“, fragte ich endlich.
„Aber natürlich!“, versicherte mir Adrian.
„Alle kommen!“, bestätigte Lucy gleichzeitig.
„Okay, dann komme ich auch. … Danke!“, presste ich schnell hervor.
Lucy strahlte. „Gerne. Ich freue mich!“
„Super!“, rief Adrian.
In diesem Moment ertönte ein kurzes, leises Hupen neben uns; die Scheinwerfer des protzigen Touareg blinkten auf.
Oh nein!
Ich schrak zusammen, und im gleichen Augenblick bröckelte das Lachen aus den Gesichtern der Zwillinge. Lucys schwarze Augen büßten einen Teil ihres Glanzes ein, als sie an mir vorbei sah.
Bevor ich meinen Kopf drehen konnte, hörte ich feste Schritte unmittelbar hinter mir. Schon lief Noah mit einem smart key in der Hand an mir vorbei. Ohne mich oder seine Geschwister eines Blickes zu würdigen, öffnete er den Kofferraum des Touareg.
Super! Die Franklins waren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit genau die Art von Snobs, die ich hatte meiden wollen. Welche Eltern hätten ihren Kindern sonst solch einen Wagen zur Verfügung gestellt? Oder ... gekauft? Ich lugte zu meinem Mini, der neben dem Monsterauto wie ein Modell im Maßstab 1:2 wirkte.
Lucy lächelte mir noch einmal zu, bevor sie für Adrian die Beifahrertür öffnete und seinen Rollstuhl festhielt, während er sich selbst auf den Sitz hievte. Dann verschwand sie auf der Rückbank.
Ich wandte mich ab um mein Auto aufzuschließen ... und stieß direkt mit Noah zusammen. Meine Bücher fielen mit einem lauten Knall zwischen uns zu Boden.
Unsere Augen trafen sich. Plötzlich schien die Zeit still zu stehen. Er kam einen Schritt näher und für eine Sekunde blitzte die verrückte Idee er wolle mich küssen, in mir auf. Ganz ehrlich, in diesem Moment wäre ich unfähig gewesen ihn zu stoppen. Er war so unglaublich schön. Gegen das helle Blau des Himmels wirkte seine Silhouette beinahe ... ja, engelsgleich.
Doch dann kam er näher und ich sah, wie bedrohlich sich sein Blick verdüstert hatte. Er zog die Augenbrauen tief zusammen ... und ließ mich endlich seine Stimme hören:
„Pass gefälligst auf, wo du hinläufst, Bitch!“
Ich öffnete meinen Mund ... und schloss ihn wieder, ohne einen Laut von mir gegeben zu haben. Hatte er mich gerade eine
Bitch genannt???
In Rekordzeit errötend schüttelte ich meinen Kopf, um ihn wieder frei zu kriegen. Ich musste jetzt klar denken können.
„Wa - was?“, stotterte ich benommen.
Ganz offensichtlich war mein Gehirn nicht bereit zu arbeiten. Andernfalls wäre mir nun eine rettende, absolut bissige Antwort eingefallen. Eine, die sich gewaschen und ihm gezeigt hätte, dass ich nicht auf den Mund gefallen war. Dumm nur, dass ich immer noch knallrot vor ihm stand und kein gescheites Wort über meine Lippen brachte.
Sicher,
ich war in ihn gerannt. Trotzdem hatte er nicht das Recht, mich so anzugehen. Vollidiot!
„Geh mir verdammt noch mal einfach aus dem Weg!“, brummte er düster, bevor ich ihm das Schimpfwort entgegenschleudern konnte. Dabei rempelte er mich an und bahnte sich seinen Weg an mir vorbei. Mit einer geschickten Handbewegung klappte er Adrians Rollstuhl zusammen und schmiss ihn in den riesigen Kofferraum.
Dann stieg er ein, schlug die Fahrertür laut hinter sich zu und trat nur wenige Sekunden später schon das Gaspedal durch. Mit quietschenden Reifen fuhr der Touareg an, brauste die Straße entlang und verschwand hinter der nächsten Kurve.
Ich blieb zurück, starr vor Schock. Die Schulbücher zu meinen Füßen, starrte ich hinter ihm her und spürte machtlos, wie die Tränen hinter meinen Augen aufstiegen.
Okay, was war da gerade passiert? Atme, Emily!
Dieser unverschämte, ungehobelte Typ, der zufälliger Weise aussah wie ein gottverdammtes Unterwäschemodel, hatte mich blöd angemacht und beleidigt –
zweimal - und war dann auf und davon gebraust, ohne mir auch nur den Hauch einer Chance zu geben, mich bei ihm zu entschuldigen oder nach seiner Telefonnummer zu fragen.
...
Moment mal. Was??? Gott, was ist heute eigentlich los mit mir?
Noah hatte sich grob und gemein verhalten und verdiente ganz sicher keine Entschuldigung von mir!
Ich blickte in den makellos blauen Himmel und zwinkerte die Tränen fort. Mit tiefen Atemzügen bezwang ich meinen rasenden Puls. Auch das Dröhnen in meinen Ohren, verursacht durch den Fluss meines eigenen Blutes, ließ schließlich ein wenig nach. Nichts desto trotz stand ich, wie festgefroren, immer noch auf demselben Fleck; nur der Asphalt unter mir schien zu schwanken.
Als mein Bewusstsein zu mir aufschloss, blickte ich mich um und war erleichtert, dass es offenbar keine Zeugen unseres kurzen Intermezzos gegeben hatte. Niemanden außer Lucy und Adrian.

Hastig sammelte ich meine Bücher ein und schloss nun endlich meinem Mini auf. Neue Tränen stiegen auf, also versank ich tief in meinem Sitz um im Schutz des Armaturenbretts in Ruhe heulen zu können.
Ein Zittern packte mich und breitete sich über meinen gesamten Körper aus. Warum war ich denn bloß so fertig?
Komm schon, reiß dich zusammen, Emily!
Bis zum heutigen Morgen hatte ich nicht andauernd wie eine Vollidiotin in der Gegend herumgestanden und fremde, höchst unsympathische Typen angestarrt. Bis zum heutigen Morgen war es mir auch noch völlig egal gewesen was andere von mir hielten oder wie sie über mich dachten.
Auch wenn mich zuvor noch nie jemand so beleidigt hatte wie dieser, dieser ... na, wie
er eben ... war ich mir dennoch sicher, dass mir bis zum heutigen Morgen eine schlagfertige Antwort auf eine derartige Unverschämtheit eingefallen wäre. Außerdem hätte ich einen unangenehmen Zwischenfall wie diesen bestimmt lockerer weggesteckt. Schließlich hatte ich einen älteren Bruder. Und zwar einen der härteren Art.
Also, in welchem Moment dieses Tages war bitteschön meine Würde abhanden gekommen? Ich kannte die Antwort erschreckend genau, auch wenn sie mir überhaupt nicht gefiel:
Eindeutig in dem Augenblick, als Noah Franklin den Geschichtsraum betreten und mit seiner Ankunft meine Kinnlade außer Gefecht gesetzt hatte.
Verdammt!

Ein Klopfen am Beifahrerfenster ließ mich aufschrecken. In meinem schwimmenden Sichtfeld erkannte ich lediglich einen tellergroßen hautfarbenen Fleck mit dunkelblonder Umrahmung und hellblauem Brillengestell. Kathy!
Ich winkte ihr zu, versuchte vergeblich die Schluchzer zu unterdrücken und öffnete ihr die Tür.
„Ich wusste nicht, dass du noch da bist”, begrüßte ich sie schniefend, als sie neben mir Platz nahm. Kathy sah mich besorgt an.
„Was hat er gemacht?“, fragte sie schlicht.
„Hm?“
„Na Noah. ... Meine Mom hat angerufen und gesagt, dass sie es heute nicht pünktlich schafft mich abzuholen. Dummerweise war der Bus auch schon weg. Also wollte ich sehen, ob ich dich vielleicht noch erwische. Da kamen mir die Franklins entgegen. Noah saß am Steuer und sah aus, als würde er am liebsten jemanden umbringen. Gut, das ist ja nichts Neues, aber Adrian war offensichtlich extrem aufgebracht. Er fuchtelte wild mit den Armen, was echt untypisch für ihn ist.“ Kathy schüttelte den Kopf. „Und jetzt finde ich dich hier, aufgelöst und weinend. Und das, nachdem du Noah vorhin, im Mathematik-Unterricht zurechtgewiesen hast. Also, was hat er gemacht, Emily?“
Ich konnte mich wirklich glücklich schätzen, eine so gute Freundin wie Kathy zu haben. Wir saßen bestimmt eine halbe Stunde nebeneinander in meinem winzigen Auto und redeten. Nachdem ich kurz von dem unangenehmen Zusammenstoß mit Noah berichtet hatte, empörte sich Kathy energisch.
„Wie hat er dich genannt?
Bitch? So ein aufgeblasener, arroganter ... Ehrlich, Emily, mach dir nichts draus. Ich habe dir gesagt, dass er gemein ist. Am besten machst du es wie wir anderen und ignorierst ihn einfach. Selbst die Lehrer handhaben das so. Glaub mir, er ist die Aufregung nicht wert.“
Für den Moment machten Kathys Worte Sinn. Sie passten zu meinem letzten, frischesten Eindruck von Noah, und außerdem tat mir ihre aufrichtige Wut ziemlich gut. Sie bewies und unterstrich Kathys Loyalität.
Ich wischte mir die letzten Tränen aus den Augenwinkeln und zwang mich zu einem tapferen Lächeln.
„Du kommst doch trotzdem mit zu der Party am Samstag ... oder?“, fragte Kathy hoffnungsvoll.
Verdammt, die Party!
Die Vorstellung bedeutete plötzlich nichts anderes, als einen kompletten Abend im Hause dieses Idioten verbringen zu müssen? Nein danke, ich konnte mir einen schöneren Zeitvertreib ausmalen. Andererseits, Lucy und Adrian waren wirklich sehr nett und ich hatte ihnen schließlich schon zugesagt.
Als Kathy meine Unsicherheit bemerkte, griff sie nach meiner Hand und drückte sie. „Komm schon, Emmy. Lucy würde sich bestimmt sehr freuen, wenn du mitkämst. Und Adrian ist der liebste Kerl, den du dir nur vorstellen kannst.“ Sie lächelte und ... errötete.
„Ja, aber...“
„Noah wird sich höchstwahrscheinlich nicht mal blicken lassen“, versicherte sie mir kopfschüttelnd.
„Ja, aber...“
„Bitte Emily!“
„Ja, aber...“
„Emily!“
„Was?“
Bitte!“ Kathys Ton hatte sich vollständig gewandelt; mit tief herabgezogenen Augenbrauen sah sie mich an. Wesentlich bestimmter als jemals zuvor.
„Ja, aber...“, startete ich erneut – und dieses Mal durfte ich ausreden: „... Ich weiß doch überhaupt nicht, was ich zu so einer Party anziehen soll.“
Kathy neigte den Kopf zur Seite und sah mich verdutzt an. Zwei Sekunden später brachen wir in gemeinsames Lachen aus.
Noah Franklin war vergessen. Zumindest für diesen Moment.

Leider hielt die Unbeschwertheit nicht lange an.
Ich setzte Kathy ab und fuhr danach auf dem direktesten Weg zu dem Haus, das ich nach wie vor nicht als
mein Zuhause bezeichnen wollte.
Ich drehte das Radio bis zum Anschlag auf, und als Miley Cyrus`
The Climb lief, sang ich so laut mit wie ich nur konnte. Kann befreiend sein, auch wenn ich das niemals jemandem erzählen würde!
Jason erwartete mich schon sehnsüchtig; die Haustür flog auf, bevor ich den Schlüssel überhaupt ins Schloss stecken konnte. Das heißt, nein, eigentlich erwartete mein Bruder nicht
mich, sondern vielmehr meine Kochkünste. Wenigstens hatte er es schon geschafft, die Steaks aufzutauen. Ich wechselte mein Schuloutfit schnell gegen mein löchriges Lieblings-Shirt und die roten Shorts, die Janet mir zu meinem vierzehnten Geburtstag geschenkt hatte, und begab mich ans Kochen.
Jason und ich aßen gemeinsam. Er erzählte aufgeregt von seinem College, an dem er sich am Vormittag vorgestellt hatte.
Als sein Handy klingelte, erkannte ich an Jasons Gesichtsausdruck sofort, dass es sich bei dem Anrufer um ein Mädchen handeln musste. Schnell stopfte er das verbleibende halbe Steak in seinen Mund (ja, komplett!), drückte mir mit fettigen Lippen einen hastigen Kuss auf die Wange und verschwand polternd in seinem Zimmer. Ich konnte mich oft nicht so recht entscheiden, ob ich Jay nun eklig oder doch ganz süß finden sollte. Vermutlich war das mit Brüdern so...
Gemütlich räumte ich die Spülmaschine ein und wusch die verkrustete Pfanne ab. Danach fegte ich die Küche und wischte den Fliesenboden. Zweimal.
Da Jason nach seiner Stippvisite am College wohl recht schnell wieder zurückgekehrt war und den restlichen Tag allein im Haus verbracht hatte, sah das Wohnzimmer entsprechend verwüstet aus. Ich holte den Staubsauger und befreite die Couch von den Krümeln, die in ihrer Vielzahl und Art Aufschluss über das unmögliche Essverhalten meines Bruders gaben. Chips, Popcorn, Müsli, Erdnüsse, Haselnussschnitte. All das konnte ich identifizieren. Den Rest wollte ich lieber gar nicht erst wissen.
Als ich mich endlich die Treppe heraufschleppte, meine Zimmertür hinter mir zuzog und mich völlig fertig auf mein Bett schmiss, wurde mir klar, was ich mit der ausführlichen Reinigungsaktion bezweckt hatte, denn nun, in der Ruhe meines Zimmers, ließ die Wirkung schlagartig nach.
Meine Bemühungen weiterhin bloß nicht nachzudenken, scheiterten in dem Moment, als ich meine Augen schloss.
Tausende Bilder - Bruchstücke meiner heutigen Erlebnisse - prasselten scheinbar ungefiltert auf mich ein:
Das Wiedersehen mit Kathy, die Französische Revolution, unsere strenge Mathelehrerin, mein peinlicher Tadel, ewig lange Algebra-Formeln, die einfach keinen Sinn ergeben wollten, eine hüpfende Lucy, französische Modemagazine, Adrians muskelbepackte Oberarme, seine dünnen, bewegungslosen Beine und natürlich Noah, Noah, Noah, Noah...
Ahhhh! Schließlich blieb ich an ihm hängen und gab sämtlichen Widerstand auf. Resignierend widmete ich mich seinem Bild in meinem Kopf.
Seine Augen beschäftigten mich am meisten. Sie waren weder blau noch grün und sein Blick ging mir einfach nicht aus dem Sinn. Bald wurde mir auch klar, warum. Bei allen Rätseln, die dieser Typ mir - und offenbar nicht
nur mir - aufgab, war die für mich größte Ungereimtheit in dem Bruchteil einer Sekunde in seinen Augen aufgeblitzt.
Und zwar in dem Moment, als ich ihn im Matheunterricht angemotzt hatte. Für einen winzigen Augenblick war er zunächst zurückgeschreckt. Noahs Augenlider flatterten unsicher, bevor sich sein Blick senkte – nur für einen Wimpernschlag. Seine Mundwinkel zuckten und er schluckte.
Nun, als ich sein Gesicht in meiner Erinnerung wiedersah, spielte sich die Szene wie in Zeitlupe vor mir ab. Lange suchte ich nach der richtigen Beschreibung für seinen Gesichtsausdruck und fragte mich immer wieder, warum mich diese Mimik so tief traf. Denn das tat sie. Irgendetwas hatte sein Blick in mir berührt.
Dann, nach etlichen Minuten, wurde mir endlich klar, was es war: Noah hatte in diesem kleinen Moment
schuldbewusst gewirkt und dabei unglaublich verletzlich ausgesehen.
Doch dann hatten sich seine Augen verengt. Sein Blick wurde bedrohlich und jagte mir eine eisige Kälte über den Rücken.
Genau dasselbe geschah noch einmal, als ich mich nun an diesen plötzlichen Wandel erinnerte. Dennoch, ich konnte es nicht leugnen:
So fies Noah auch gewesen sein mochte, so sehr hatte er mich doch in seinen Bann gezogen. Trotz seiner unmöglichen Art.
Oder vielleicht gerade deshalb?
Ich ließ meinen Gedanken freien Lauf und folgte ihnen.
Noah war Lucys und Adrians Adoptivbruder. Vielleicht waren seine Eltern ums Leben gekommen und er hatte den Schock nie verwunden. Das könnte erklären, warum er sich so abschottete. Nicht jedoch, warum er so ein Ekel war. Schließlich schienen ihn alle anderen, unsere Mitschüler
und die Lehrer, restlos aufgegeben zu haben. Himmel, der Junge war nach einem mehrjährigen Frankreichaufenthalt nachhause zurückgekehrt, und niemand hatte ihn auch nur mit einem freundlichen Hallo begrüßt.
Warum?
Ich beschloss, dem Ganzen auf den Grund zu gehen. Meine Neugier war entfacht und nun brannte ich förmlich darauf, mehr über diesen eigenartigen Jungen und sein Geheimnis zu erfahren.
Mein Vorsatz verschaffte mir endlich den klaren Kopf, den ich brauchte um mich meinen Hausaufgaben zu widmen.

Als mein Dad abends nach Hause kam, erhitzte ich ihm sein Essen und lauschte seinen Erzählungen vom Set.
„Und bei dir? Wie war dein Tag, Kleines?“, fragte er schließlich in seinem sanftesten Tonfall.
„Hmmm,
interessant, würde ich sagen.“
„Interessant? So?“ Er hob die Augenbrauen, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah mich neugierig an. „Nun, jetzt bin ich gespannt.“
Da ich nicht die leiseste Lust hatte, die Ereignisse des Tages wieder aufzurollen, beschloss ich, mich auf das Wesentliche zu beschränken.
„Ähm, also, wir haben drei neue Mitschüler. Das heißt, sie sind eigentlich nicht neu. Sie sind zurückgekommen. Waren für ein paar Jahre in Frankreich und sind jetzt wieder da.“
„Drei? Und alle waren weg?“, fragte mein Dad erstaunt. „Geschwister?“
Ich nickte. „Es sind zwei Jungs und ein Mädchen. Das Mädchen und einer der Jungs sind Zwillinge. Der andere Junge ist wohl adoptiert.“
„Ah, okay!“
„Jedenfalls sind sie sehr nett.“
Zumindest die Zwillinge.
„Sie geben am Samstag eine Party und haben mich eingeladen.“
Meinem Vater rutschte fast das Glas aus der Hand. Mit weit aufgerissenen Augen sah er mich an. Dann, nach zwei, drei Sekunden, besann er sich und schüttelte kurz den Kopf. „Emily, das ist doch super! Ich freue mich sehr, dass du neue Freunde gefunden hast.“
„Also darf ich gehen?“
„Sicher gehst du. ... Kommt Kathy auch mit?“
Ich nickte, und Dad grinste mich glücklich an. Offenbar hatte er sich mehr um mich gesorgt als es mir bewusst gewesen war.
„Das wird bestimmt toll!” Er nickte mir noch einmal aufmunternd zu und erhob sich dann. Stumm spülte er seinen Teller, sein Besteck und sein Glas ab, dann wandte er sich mir wieder zu.
„So, Kleines, ich muss noch ein wenig arbeiten. Das Script muss an einigen Stellen abgeändert werden. Es gibt meiner Meinung nach wichtige Stellen in dem Buch, die sie überhaupt nicht berücksichtigt haben. Wir müssen versuchen, das Ganze umzuschreiben ohne die Gesamtlänge zu verändern. Gar nicht so leicht.“
„Denke ich mir!“
Im Vorbeigehen strich er mir eine Locke aus dem Gesicht und drückte mir einen kurzen Kuss auf die Stirn, dann stieg er die Stufen zu seinem Arbeitszimmer empor.
„Emily?“, rief er und erschien noch einmal auf dem Treppenabsatz.
„Ja?“
„Ich weiß, du zählst die Tage, bis wir zurück in England sind”, sagte er mit einem milden Lächeln. „Ich fände es klasse, wenn du dich in der Zwischenzeit hier wohlfühlen würdest.“
Da er stehen blieb und auf irgendetwas zu warten schien, biss ich mir auf die Unterlippe und überlegte. Warum auch immer, aber in diesen Sekunden, die still zwischen meinem Vater und mir verstrichen, mogelte sich das Bild von Noahs Gesicht zurück in meinen Sinn.
„Ich denke, ich kann es zumindest versuchen”, erwiderte ich, wie immer, wenn mein Dad das Thema auf den Tisch brachte. Nur dieses Mal sagte ich es zum ersten Mal ... ja, in absoluter Ehrlichkeit.












IV.


An jedem Tag der folgenden Schulwoche hatte ich ein einschneidendes Erlebnis mit Noah Franklin. Und mit jedem dieser Ereignisse nahm meine Verwirrung zu.

Dienstag war ich gerade in der Schule angekommen, holte die Bücher aus meinem Spind und checkte noch einmal meinen Stundenplan.
Doppelstunde Mathematik.
Natürlich!
Ich atmete tief durch und wischte mir eine besonders widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn, dann klappte ich die Tür meines Schrankes zu ... und blickte direkt in sein Gesicht.
Verdammt noch mal, das konnte doch wirklich nicht wahr sein, oder? Gut, es gab - wie bereits erwähnt – nicht übermäßig viele Schüler an dieser Schule, aber Herrgott, musste sein Spind denn ausgerechnet direkt neben meinem liegen?
Noah sah mich kurz an, wandte sich aber schnell wieder ab und hantierte mit eingefrorener Miene und in aller Seelenruhe mit seinen Büchern herum.
Ich weiß nicht, was mich ritt, doch plötzlich öffnete sich mein Mund wie von selbst und ich sprach. Na ja,
sprach ...
„Ähm,...“, lautete der eindrucksvolle Beweis meiner Wortgewandtheit. Im plötzlichen Verlangen seine Stimme wiederzuhören, durchforstete ich mein Gehirn nach etwas Brauchbarem ... wurde jedoch nicht fündig.
Okay, was zur Hölle ist los mit dir, Emily Rossberg?
Die Worte hüpften heraus, bevor ich überhaupt realisierte, dass ich im Begriff war zu sprechen:
„Es tut mir leid wegen gestern. Dass ich dich so angefahren habe, meine ich. Mathe ist nicht gerade mein stärkstes Fach und wahrscheinlich war ich einfach wütend, dass ich in der ersten Stunde des neuen Schuljahres schon scheitere. Und auf dem Parkplatz ... Ich wollte dich nicht anrempeln. Ich hab dich wirklich nicht gesehen.“
Mein Mund blieb offen stehen, als der Wortschwall endete.
Einen kleinen Augenblick mal. Du hast dich nicht wirklich gerade bei ihm entschuldigt, oder?
Nun, egal wie mein Plan für `Komme hinter das Geheimnis der türkisäugigen Vollidioten´ auch ausgesehen hatte, dieses entwürdigende Szenario war niemals ein Teil davon gewesen.
Er blickte mich kurz überrascht an, dann sah ich wieder, was sich schon am Tag zuvor ereignet hatte:
Diese plötzliche Verdunklung seines Blicks.
„Was auch immer. Mach`s wie die anderen und lass mich einfach in Ruhe! Und vor allem: Fass mich nie wieder an!“
Wie bitte? Ihn anfassen? Was ...?
Mit einem Schlag wandelte sich meine gutwillige Bereitschaft, ihn näher kennen zu lernen - obwohl er ein Vollidiot war - in puren Zorn. Ich funkelte in böse an und stemmte die Hände in die Hüften.
„Es war ein Versehen! Und ich sagte, dass es mir leid tut. Du warst auch nicht unbedingt nett zu mir, nicht wahr?“
Noah starrte mich weiterhin finster an. Dann zischte ein bitteres, humorloses Lachen zwischen seinen Zähnen hindurch und blies mir direkt ins Gesicht.
„Ja, weißt du, Emily, das kommt daher, weil ich nun mal kein netter Mensch
bin! Und du tätest gut daran, dir das zu merken.“
Damit schmiss er die Tür seines Spinds zu, wandte sich ab und schritt mit seinen großen, festen Schritten den Korridor entlang.
Wenig später saßen wir nebeneinander im Matheunterricht. Wir wechselten kein einziges Wort miteinander. Noah kritzelte fast die gesamte Zeit wie wild in seinem Notizblock herum, doch wann immer Mrs Rodgins (die sein Verhalten offensichtlich nicht guthieß, aber dennoch niemals beanstandete) ihn aufrief, kannte er die korrekte Antwort auf ihre Frage. Es war fast unheimlich.
Als die Schulglocke schellte, hatte Noah seinen Stuhl bereits verlassen und befand sich auf halbem Weg zur Tür.
In der Mittagspause ertappte ich mich dabei, nach ihm Ausschau zu halten. Natürlich vergeblich. „Noah kommt nicht in die Kantine!“, schallten Adrians Worte in meinem Kopf wider.
Dienstag Abend ging ich mit dem festen Vorsatz ins Bett, Noah nicht weiter zu beachten und ihn einfach links liegen zu lassen – wie es auch alle anderen taten. Wenn selbst
er das so wollte...

Unsere Mittwochs-Begegnung war eher zufällig. Mein Schultag begann an diesem Morgen erst zur zweiten Stunde und zwar mit Geschichte. Der Korridor war leer; die große Eingangshalle der Schule wirkte wie ausgestorben. Unmittelbar bevor ich um die Ecke zu meinem Spind bog, hörte ich seine Stimme und blieb wie angewurzelt stehen. Verdammt, seine Stimme war wirklich sehr schön. Selbst die Tatsache, dass er so gut wie immer in tiefem, verbissenen Zorn sprach - wie auch in diesem Moment - tat ihr keinen Abbruch.
„Wenn du willst, dass ich mich verpisse, dann sag es doch einfach, Lucy!“, grummelte er böse.
„Das habe ich doch gar nicht gesagt. Es war nur ein Gedanke, Noah. Auch für dich, weil du es doch nicht magst, wenn so viele...“
Lucy beendete ihren Satz nicht. Resignierend stieß sie etwas Luft aus. Ich wusste, ohne sie zu sehen, dass sie ihre hübschen dunklen Augen verdrehte. Ihre nächsten Worte klangen erschöpft ... und ein wenig hilflos.
„Ich hab an
dich gedacht, Noah. Wirklich! Natürlich kannst du bleiben, wenn du willst. Ich würde mich sogar freuen...“
Noah schien ihre letzten Worte überhaupt nicht zu hören. Barsch unterbrach er sie.
„Verdammt richtig, das kann ich! Und das habe ich auch vor! Also lass mich in Ruhe, Lucy, hörst du?“ Das war eher eine Drohung als eine Aufforderung und der Moment, in dem ich beschloss mich zu zeigen. Also bog ich um die Ecke und war mit nur zwei Schritten bei ihnen.
„Hallo Lucy!“, grüßte ich freundlich. Sie erwiderte mein Lächeln, doch ihre Augen blieben matt. „Hallo Emily!“
„Na, hast du auch alles mitbekommen?“, fragte Noah hämisch und funkelte mich aus zusammengekniffenen Augen an.
„Bitte? ... Ich ... ähm ... ich habe euch nicht belauscht”, log ich, versuchte stärker zu sein, als ich mich fühlte und sah ihn mit angehaltenem Atem fest an.
Wieder dieses bittere Lachen. „Sicher hast du!“, presste er abfällig hervor. Und schon flog die Tür seines Spinds scheppernd zu und Noah marschierte davon.
Lucy schüttelte den Kopf und hakte sich dann bei mir unter.
„Ich hab ihn nur gefragt, ob er am Samstag auch da ist oder ob er etwas anderes vorhat.“
Schulterzuckend sah sie zu mir auf; ihre sonst so unbeschwerten großen Augen wirkten traurig und erschöpft.
„Ich hab es bestimmt falsch rübergebracht. Natürlich hätte ich ihn gerne dabei, aber normalerweise mag er es nicht, wenn wir Besuch bekommen.“
„Du hast gar nichts falsch gemacht“, sagte eine tiefe Stimme unmittelbar hinter uns. Adrian.
Wie aus dem Nichts war er plötzlich da und lächelte ermutigend zu uns empor, als wir uns zu ihm umdrehten. Dann plauderte er drauf los und vertrieb mit seiner fröhlichen Art binnen Sekunden jeglichen Anflug von Melancholie aus Lucys Gesicht. Die beiden schienen den Kummer mit ihrem Adoptivbruder gewohnt zu sein. Ihre Geduld war ziemlich beeindruckend.
Noah saß in den Kursen, die wir gemeinsam hatten, immer in der letzten Reihe. Außer in Mathe, wo ich auch heute wieder neben ihm saß, hatte ich ihn immer in meinem Nacken. Jedenfalls fühlte ich mich so. Ich kam mir beobachtet vor, obwohl ich wusste, dass das nicht sein konnte. Er kritzelte in seinen Notizblock oder spielte unter dem Tisch mit seinem iPod - beides hatte ich beobachtet - aber er beachtete keinen seiner Mitschüler und beteiligte sich nur am Unterricht wenn er dazu aufgefordert wurde. Aufgaben bearbeitete er in Rekordzeit, und seine Lösungen waren ausnahmslos korrekt, soweit ich das beurteilen konnte.
Ganz sicher sah er mich zu keiner Sekunde an. Dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, seinen Blick in meinem Nacken zu spüren.

Auf der Heimfahrt nahm ich Kathy mit. Ich erzählte ihr von dem Gespräch zwischen Noah und Lucy, doch sie zuckte nur mit den Schultern. „Ich sag`s dir ja, er spinnt. Noah mag es nicht, wenn viele Leute auf einem Haufen sind. Wenn Lucy sich aber um ihn sorgt, reagiert er total eingeschnappt und motzt sie an. Das ist so typisch für ihn. Manchmal habe ich das Gefühl, er kann nicht aus seiner eigenen Haut.“
Eine Weile ließ sie ihre Worte in der Stille wirken, dann wechselte Kathy das Thema. Bevor ich sie absetzte, fiel mir noch etwas ein, das meine Neugier geweckt hatte, das ich aber – Noah sei Dank – bisher immer wieder vergessen hatte.
„Sag mal, was ist eigentlich mit Adrians Beinen los?“
Kathys Blick wurde schlagartig sehr ernst. Ich spürte deutlich, wie sehr sie Adrian mochte. Wann immer das Thema auf ihn kam, spannte sie sich innerlich an.
„Das war ein schlimmer Unfall, als wir etwa elf Jahre alt waren. Adrian war der sportlichste Junge unserer Klasse. Es gab eigentlich keine Sportart, an der er sich nicht versuchte. Surfen, Skaten, Baseball, Basketball ... Eines Tages ging er mit seinem Dad zum Wellenreiten. Doch die Wellen und der Wind waren zu stark. Er verlor die Kontrolle über sein Board und schlug gegen die Felsen. Immer wieder. ... Ja, und das war`s. Erst dachten die Ärzte, er wäre vom Hals an abwärts gelähmt, aber er hatte Glück im Unglück.“
Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte. Keine Ahnung, welche Antwort ich erwartet hatte, doch diese ging mir sehr nahe. Dass Adrian nicht von Geburt an gelähmt war, sondern aufgrund eines solchen Unfalls versetzte mir einen Schock. Und dennoch - er war so lebensfroh und positiv.
Kathy schien den gleichen Gedanken zu verfolgen. Ihre Augen verengten sich. „Ich begreife bis jetzt nicht, wie gut er diesen Unfall verkraftet hat. Als er nach etlichen Monaten wieder in die Schule kam, hatte sich sein Wesen sehr gewandelt. Vor dem Unfall war er ziemlich eigenbrötlerisch und zurückhaltend, ehrlich gesagt. Danach überhaupt nicht mehr. Adrian hat mal gesagt, es wäre so, als hätte er an diesem Tag ein zweites Leben geschenkt bekommen.“
Wir schwiegen in Bewunderung, bis wir Kathys Elternhaus erreichten und sie ausstieg.
An diesem Abend ging ich unentschlossen zu Bett. Noah war ein Ekelpaket, zweifellos, dennoch hatte Kathy recht. Er konnte irgendwie nicht aus seiner Haut, so sah ich das auch. Irgendetwas war mit ihm geschehen – niemand
war von Natur aus einfach so wie er, niemand wurde so geboren. Unmittelbar bevor mir die Augen zufielen, beschloss ich sein Geheimnis kennen und ihn besser verstehen zu wollen. Aber war er die Mühe wert?

Unsere Begegnung am Donnerstag warf mich endgültig aus der Bahn ... und das kam so:
Bill Jankins, der Herzensbrecher unserer Stufe, hatte es aus unerfindlichen Gründen auf mich abgesehen. Ich nahm an, dass er dem Reiz des Unnahbaren erlag, denn ich war, entgegen vieler anderer Mädchen, weder an seinem Geld (er kam aus einer der reichsten Familien der Gegend), noch an seinem vermeintlichen Luxuskörper interessiert.
Bill hatte mich bereits öfter um ein Date gebeten. Längst nicht so oft wie Tom, aber den zu toppen war eigentlich auch unmöglich. Ich erteilte Bill immer wieder eine möglichst freundliche Abfuhr. Warum auch immer, aber an diesem Donnerstag beschloss er, dass ich seine Geduld überstrapaziert hatte.
Nach Unterrichtsschluss stand ich mal wieder an meinem Spind und sortierte meine Bücher für die anstehenden Hausaufgaben.
„Hallo Süße!“, sagte eine rauchige Stimme direkt an meinem Ohr. Es gab nur einen, der sich hier offenbar nicht mit meinem Namen anfreunden konnte, und so atmete ich tief ein und verdrehte die Augen, noch bevor ich mich ihm zuwandte.
„Bill!“
„Erraten“, sagte er grinsend. „Du und ich, morgen Abend, beim besten Italiener der Stadt. Was meinst du?“
Was ich meinte?
NEIN!!!
Weder heute, noch morgen, noch sonst irgendwann in diesem Leben!
Was ich sagte? „Ähm, das ist lieb gemeint, Bill. Aber wirklich, ich habe zu tun. Und außerdem ... mag ich kein italienisches Essen.“
Er lachte mir lauthals ins Gesicht. „Jetzt bin ich verletzt. Den ersten Teil hätte ich dir glatt noch abgekauft, aber dann... Ehrlich, Kleines, jeder mag italienisches Essen.“
„So?“, fragte ich genervt. Es wurde schwierig, meine freundliche Miene nicht bröckeln zu lassen. Vielleicht war es einfach an der Zeit, etwas deutlicher zu werden. „Gut, vielleicht mag ich italienisches Essen, Bill, aber ... sieh mal, ich versuche nur freundlich zu bleiben. Wenn du allerdings darauf bestehst, dass ich es ausspreche, dann ...“
Erwartungsvoll sah er mich an; sein Grinsen blieb unangetastet. Gott, war ich wirklich so schlecht darin, jemandem einen verständlichen Korb zu erteilen. Oder war er zu blöd, den Wink zu erkennen. Von dem berühmten Zaunpfahl konnte doch mittlerweile schon gar keine Rede mehr sein. In meiner Vorstellung (die zugegebenermaßen öfter mal comicmäßig ausfiel) schwang ich einen zentnerschweren Brückenpfeiler direkt über seinem Kopf.
„Bill, ich will kein Date mit dir!“, stellte ich schließlich klar, als die Erleuchtung weiterhin ausblieb. „Ich meine es nicht böse, aber ... das mit uns passt einfach nicht.“ Er grinste immer noch, doch nun wirkte sein Gesicht wie eine Maske. Erstarrt. Nur seine Augen wurden etwas schmaler. Schnell sah er sich um. Als er niemanden auf dem Korridor entdeckte, lehnte er sich mir entgegen und drückte sich, mit seinem vollen Gewicht wie es schien, gegen mich. Es reichte jedenfalls, um mir die Luft abzuschnüren. Seine Finger umfassten meine Handgelenke und pressten sie gegen die metallenen Türen der Schränke.
„Woher weißt du das, wenn du uns keine Chance gibst?“, fragte er, nun wieder dicht an meinem Ohr. Dann presste er sich mir noch näher entgegen. So, dass ich ihn -
alles von ihm - an mir spürte.
„Vielleicht passe ich sehr gut”, flüsterte er weiter. Die Zweideutigkeit seiner Worte bewirkte, dass sich mein Magen schmerzhaft zusammenzog. Heftige Übelkeit packte mich.
„Bill, nicht!“, japste ich erschrocken, doch er beugte sich vor und drückte mir seine harten Lippen auf den Mund, bevor ich noch mehr sagen konnte.
Ich versuchte mich loszumachen, ihn von mir wegzuschieben, sobald er meine Handgelenke freiließ, doch ich war viel zu schwach. Ich konnte nicht einmal schreien, so sehr schockte mich sein plötzlicher Übergriff.
Sandra Bullock, dachte ich plötzlich. Ja, ich befand mich in einer misslichen Lage. Und ja, Sandra Bullock sollte meine Retterin werden. Genau genommen Sandra Bullock in einem bayrischen Dirndl und mit geflochtenen Zöpfen, die mit langen roten Schleifen zu lustigen Affenschaukeln hochgebunden waren.
Man sollte in einer solch bedrohlichen Situation stets einen guten `
SONG´ parat haben, hatte sie auf der Bühne zur Wahl der Schönheitskönigin in `Miss Undercover´ erklärt.
S, wie Solar Plexus. Und schon schoss meine geballte Faust in Bills Magengrube. Kräftig genug, um für einen verdutzten Moment zu sorgen. Bill wich zurück und sah mich fassungslos an.
O, wie dicker Onkel. Mit der Hacke meines (leider viel zu flachen) Schuhs trat ich kräftig auf seinen großen Zeh. Mit einem Stöhnen klappte er vorn über.
N, wie Nase, der ich direkt danach einen kräftigen Haken verpasste. Bills Kopf schoss nach oben. Noch ein Stöhnen.
Jason wäre so stolz, blitzte es durch meinen Kopf, bevor ich zu meinem finalen Schlag ausholte.
G, wie Glocken. Wie von selbst rammte sich mein Knie zwischen Bills Oberschenkel. Mit schmerzverzerrter Miene brach er zusammen und klappte wie ein Schweizer Taschenmesser zusammen.

Ich sah, wie er zu Boden ging und wich zurück.
Nun schloss der Schock zu mir auf und ließ mich erstarren. Fassungslos
blickte ich auf Bill, der sich wenige Meter vor meinen Füßen krümmte.
Als er es schaffte seine Augen zu öffnen, stand ich noch immer an Ort und Stelle. Er sah zunächst zu mir auf - halb wütend, halb erstaunt - doch dann wich sein Blick ein wenig ab und ging an mir vorbei.
Was...?
Als ich begriff, dass wohl jemand hinter mir stand, wirbelte ich herum.
Noah!
Er stand nur etwa eine Armlänge von mir entfernt, nun vor mir, und sah direkt auf mich herab. War er schon immer so groß gewesen?
Sein Gesichtsausdruck war so verblüfft, dass kein Raum für Zweifel blieb: Noah war Zeuge meiner Selbstverteidigung geworden war. Aber hatte er auch gesehen, was Bill getan hatte?
Mit einem plötzlichen Schwindelgefühl, dass sich wie heiße Lava durch meine Adern fraß, wandte ich mich erneut Bill zu, der sich nach wie vor in Schmerzen krümmte. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Nase. Ich war beinahe entsetzt, als ich die rote Spur sah. Er blutete.
... Stark.
Mit hilfesuchendem Blick wandte ich mich wieder Noah zu.
Was hatte ich getan?
Einen Moment lang starrten wir einander an. Er schien ebenso perplex zu sein wie ich. Dann, ich traute meinen Augen und Ohren kaum, begann er zu lachen. Lauthals!
Er lacht dich aus! Noah Franklin lacht dich tatsächlich aus.
Scham quoll in mir empor und ließ meine Wangen erglühen. Nicht länger im Stande die Tränen zurückzuhalten, floh ich - so schnell mich meine zittrigen Beine trugen - aus dem Gebäude.
Gott, ich fühlte mich erbärmlich.
Den kompletten Nachmittag verbrachte ich allein in meinem Zimmer. Ich erzählte niemandem von dem Zwischenfall mit Bill und schon gar nicht von Noah und seiner demütigenden Reaktion.
Jason fütterte ich mit einem einfachen Doseneintopf ab. Der Typ aß echt alles, was man ihm vorsetzte, und langsam wuchs die Neugier in mir, ob das auch mit einer Dose Hundefutter so problemlos funktionieren würde...
Später verleugnete er mich freundlicherweise, als Kathy anrief. Er fragte nicht nach den Gründen, er tat es einfach. Manchmal war es durchaus angenehm, dass mein Bruderherz so einfach gestrickt war (und so verwarf ich die Idee mit dem Hundefutter wieder – zumindest vorerst!).
Mein Dad hingegen spürte bestimmt, dass etwas nicht stimmte, aber er verfügte wiederum über genügend Einfühlungsvermögen, um mein Bedürfnis nach Ruhe zu respektieren. An diesem Abend verzichtete er auf jegliche Art der Kommunikation und überließ mich meiner trübseligen Stimmung, ohne mir in die Quere zu kommen.
Ich erledigte meine Hausaufgaben und schmiss mich anschließend auf mein Bett. Dort blieb ich liegen, bis der volle Mond sein silbriges Licht durch meine Vorhänge schickte.
Er hat dich tatsächlich ausgelacht.
Ich überlegte ernsthaft, ob ich mich am nächsten Tag nicht krank stellen und die Schule schwänzen sollte, nur um Noah nicht unter die Augen treten zu müssen.
Um Bill hingegen machte ich mir keine weiteren Gedanken. Warum nicht? Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich die Sache zwischen uns als endgültig geklärt betrachtete. Vielleicht, weil ich nun wusste, dass ich mich gegen ihn zur Wehr setzen konnte. Vielleicht aber auch, weil sich all meine Gedanken seit dem vergangenen Montag
nur noch um Noah Franklin zu drehen schienen.
Ich griff nach dem dicken Kissen, zog es unter meinem Kopf hervor, presste es mit aller Kraft vor meinen Mund und schrie, so laut ich nur konnte. Erschöpft, ohne mir zuvor die Haare zu flechten oder mir meine Schlafsachen anzuziehen, gab ich der plötzlichen Schwere nach und fiel in einen unruhigen Schlaf.

Am nächsten Morgen war ich viel zu spät dran. Natürlich hatte mich mein Pflichtbewusstsein in die Schule getrieben. Natürlich nicht nur mein Pflichtbewusstsein, sondern auch eine gewisse Sehnsucht, die ich mir jedoch nicht eingestehen wollte.
Aber meine Haare...
Nach dieser verdammten Nacht beanspruchten sie über eine Stunde meiner Zeit und waren auch danach nur halb entwirrt. Trotz zweimaligen Waschens und der Verwendung meiner besten Pflegespülung glich mein Schopf dem von Tina Turner zu ihren besten Zeiten. Also band ich die wirren Strähnen notdürftig zu einem Pferdeschwanz zusammen, anstatt sie, wie sonst, über eine Rundbürste glatt zu föhnen.
Trotzdem war ich viel zu spät dran. Und wieder war es der Matheunterricht.
Als ich den Raum betrat, saß Noah schon an unserem Tisch. Bei seinem Anblick verkrampfte sich mein Magen. Gott sei Dank war Mrs Rodgins noch nicht da.
Ich atmete tief durch und schritt mit all der Würde, die ich aus den Ecken meines zerbröselnden Selbstbewusstseins zusammenkratzen konnte, durch den Raum. Weit kam ich nicht.
Lee, der mit dem Rücken zu mir saß, rückte seinen Stuhl zurück, zwischen meine Füße, und brachte mich damit zum Stolpern. So viel zum Thema Würde. In letzter Sekunde fing ich den drohenden Sturz ab und balancierte mich durch den Gang zu meinem Platz. Nur am Rande bemerkte ich, dass Noah aufgesprungen war. Er setzte sich jedoch schnell wieder hin und kritzelte weiter in seinen Notizblock.
Was schrieb er da eigentlich immer auf? Sein Leben ... oder meine Peinlichkeiten?
Die hätten ihn ohne Zweifel länger beschäftigt.
Mit einem Blick zu seinem leeren Stuhl stellte ich fest, dass Bill Jankins nicht da war. Gut so!
Kaum hatte ich Platz genommen, spürte ich Noahs Blick auf mir.
Intensiv! Unangenehm intensiv. Ich widerstand dem Drang mich unter seinen Augen zu ducken und tat sehr geschäftig, als ich meine Schreibsachen ordnete.
Noah sagte nichts; er starrte einfach weiter und ließ meine Anspannung unter der Hitze seines Blickes aufbrodeln. Alles um mich herum verschwamm. Der Raum, der Lärm meiner Mitschüler und mit ihm auch ihr Lachen, ihre Scherze, ihre Unbeschwertheit. Ich hörte nur noch meinen eigenen Atem, fühlte mein rasendes Herz und seinen brennenden Blick auf mir.
Wie machte er das?
Ein Seufzer der Erleichterung entrang sich meiner trockenen Kehle, als Mrs Rodgins endlich den Klassenraum betrat und sich für ihre Verspätung entschuldigte. Nie hätte ich gedacht, dass ich mich jemals freuen würde ausgerechnet meine Mathelehrerin zu sehen.
Doch Noah sah nicht zur Tür als sie hereinkam, er sah weiterhin auf mich. Völlig unbeirrt starrte er mich an. Unter seinem Blick löste sich der klägliche Rest meines Selbstbewusstseins auf, wie Zucker in Tee.
Ein recht britischer Vergleich, zugegeben.

Ich verfluchte die Tatsache, dass ich meine Haare ausgerechnet heute zu einem Zopf zusammengebunden hatte und sie nun nicht, wie sonst, als schützenden Vorhang über meine Schulter fallen lassen konnte. Gott weiß, was ich in diesen Minuten dafür gegeben hätte durchsichtig zu sein. Denn so sehr ich auch versuchte mir nicht anmerken zu lassen wie sehr mich sein Blick verunsicherte und ... aufwühlte, ich wusste, es stand mir dennoch ins Gesicht geschrieben. In meinen trotzig zusammengepressten Lippen und der verräterischen Sehnsucht, die aus meinen Augen blinzelte, sobald ich es wagte kurz in seine Richtung aufzuschauen. Denn die Wahrheit war: Ich wollte nicht, dass Noah mich hasste. So egal es mir sonst war, was andere von mir hielten - der Gedanke er könne mich hassen, nagte beinahe schmerzhaft an mir.


Noah sprach kein einziges Wort mit mir. Als mich die Schulglocke endlich erlöste, war er so schnell draußen wie an den Tagen zuvor ... und ich atmete durch.
Langsam und ein wenig zittrig von der plötzlich abgefallenen Anspannung packte ich meine Sachen zusammen und entdeckte dabei einen kleinen zusammengefalteten Zettel, der nicht ganz in der Mitte des Tisches lag, sondern so gerade eben auf meiner Hälfte. Ich zögerte einen Augenblick, dann nahm ich ihn an mich und entfaltete das Papier.
Die Nachricht war kurz; nur drei Worte, aber die ganz klar.


Tut mir leid!


Ich starrte ungläubig auf die Buchstaben. Noahs Handschrift war längst nicht so krakelig, wie ich sie mir ausgemalt hatte.
Am meisten jedoch überraschte mich die Tatsache, dass er mir überhaupt geschrieben hatte – und vor allem
was.
Noah Franklin hat sich bei dir entschuldigt, durchfuhr es mich immer wieder. Endlich löste ich meinen Blick von dem kleinen Stück Papier, faltete es sorgfältig, steckte es in die Gesäßtasche meiner Jeans und verließ den Klassenraum mit einem dämlichen Grinsen im Gesicht.
An diesem Tag sah ich Noah nicht mehr.

Lucy war, wie immer seit ihrer Rückkehr, der Mittelpunkt unseres Mittagstisches. Begeistert erzählte sie von ihren Plänen zu der bevorstehenden Party. Wie es sich anhörte, hatten ihre Eltern weder Kosten noch Mühen gespart.
„Wenn ihr noch Hilfe braucht, dann sagt Bescheid”, bot Kathy in ihrer gewohnten Gutmütigkeit an, was Adrian allerdings ein lautes Lachen entlockte. „Ha, als ob sich unsere Mom helfen lassen würde! Du hast ja keine Ahnung, was es für einen Mann bedeutet, in einem Haushalt mit Frauen wie Lucy und meiner Mom leben zu müssen. Mein Dad und ich könnten Storys erzählen...“
„Untersteh dich!“, rief Lucy, stieß ihren Bruder in die Seite, warf sich auf seinen Schoß, hielt ihm mit beiden Händen den Mund zu und grinste dann breit in die Runde. Alle stimmten in ihr Lachen ein. Alle, nur ich nicht.
Niemand schien es bemerkt zu haben, aber Noah war wieder einmal komplett übergangen worden.
Ich wusste, dass Lucy und Adrian sich sehr um ihren Bruder bemühten, und ihre Geduld war absolut beeindruckend und vorbildlich. Aber teilweise behandelten sie ihn so wie alle anderen auch. Als wäre er überhaupt nicht existent. Und während meine Mitschüler fröhlich lachten und miteinander scherzten, begann mein Herz urplötzlich zu stechen.

Comments


noah

Diese wunderbare Grafik von Noah hat der für mich weltbeste Grafiker Crossvalley Smith erstellt. ;-)
Besucht doch mal seine
großartige Seite, hier ist ein wahrer Künstler am Werk, versprochen!