Leseprobe meines Romans “Deine Seele in mir”



Es war ein ganz gewöhnlicher Dienstagmorgen, der Beginn eines weiteren heißen Spätsommertages, in einem winzigen Dorf namens Saint Toulouse. Die ganze Welt schien ein einziges Sonnenblumenfeld zu sein.
So weit das Auge reichte, reckten die leuchtenden Blumen ihre Köpfe der Sonne entgegen. In ihrer Gesamtheit bildeten sie einen perfekten Kontrast zu dem Himmel, der an jenem Morgen näher zu sein schien als sonst.
Kein Wölkchen trübte das Blau und die Farben der Landschaft waren so kräftig, dass ein guter Maler wohl entschieden hätte, sie etwas abzudämmen, um die Authentizität seines Bildes zu bewahren.
Ein Geruch von Honig und trockenem Gras lag in der Luft.
Das Knistern der Strohhalme, die unter ihren Füßen wegknickten, mischte sich mit ihrem Gelächter und dem Summen der Bienen zu einer fröhlichen Geräuschkulisse, die ihr Spiel begleitete.
Amy und Matt, sie waren Kinder, nicht mal neun Jahre alt, und sie waren glücklich. Glücklich über diesen Ferientag, über das perfekte Wetter und den nahen Bach, der ihnen Kühlung und noch mehr Vergnügen versprach. Ihre Mütter hatten ihnen Brot und frisches Obst in die Taschen gepackt - wohl ahnend, dass sie die Kinder vor Sonnenuntergang nicht mehr zu Gesicht bekommen würden.
Nichts deutete auf das Unheil hin, das die beiden so bald schon ereilen würde. Es gab keine Warnung und keine Vorankündigung an diesem Morgen - an dem Tag, der Amys letzter in diesem Leben sein sollte.
„Brrrr... Ich bin ein Düsenflieger“, rief Matt. Die Arme weit von sich gestreckt, lief er hinter seiner Freundin her und durchschnitt das Blumenmeer in einer Schlangenlinie.
„Ha, Düsenflieger! Du bist eine lahme Schnecke, Matty. Wetten, dass ich wieder vor dir am Bach bin?“ Lachend warf Amy ihre blonden Zöpfe zurück.
„Wetten, dass nicht. Ich schalte meinen Turboantrieb ein und wenn ich dich fange, dann kitzle ich dich so lange, bis du nicht mehr kannst.“
Mit einem aufheulenden Geräusch beschleunigte Matt sein Tempo. Amys hob ihr Kleid an und presste den Strohhut fest auf ihren Kopf, um ebenfalls schneller rennen zu können. Ein vergnügtes Quietschen entrang sich ihrer Kehle, als sie den Kiefern entgegenlief, die sich im lauen Wind wiegten und den Kindern ihre Schatten entgegen streckten.
Am Rande des Wäldchens lag der Duft des verblühenden Lavendels in der Luft. Süß und schwer überlagerte er die anderen Gerüche schnell.
„Ich hab dich gleich, Amy“, rief Matt, nun wirklich schon sehr dicht hinter ihr, doch Amy lachte laut auf.
„Das hättest du wohl gerne“, rief sie ihm über die Schulter zu und rannte, so schnell sie nur konnte.
Oh ja, es würde ein herrlicher Tag werden. Sie hatten ihre Badesachen in den Taschen, doch weder Matt noch Amy hatten vor, sie auch anzuziehen. Es war eins ihrer wohl gehüteten Geheimnisse: sie gingen noch immer nackt im Bach baden, das machte einfach mehr Spaß.
„Ihr seid jetzt zu groß dafür, zieht euch etwas über!“, hatten die Eltern sie bereits im letzten Sommer ermahnt, doch die Kinder sahen das ganz anders. Sie fühlten sich frei und unbeobachtet und sie waren die besten, die wirklich allerbesten Freunde. Also, was war schon dabei? Am Abend würden sie, wie immer in letzter Sekunde, ihre Badesachen in den Bach tunken, notdürftig auswringen und dann eilig nach Hause laufen, noch bevor das Rot der Sonne den riesigen Berg berührte, denn das war die einzige Uhrzeit, die sie in diesen Tagen kannten.
Dicht hintereinander liefen die Kinder durch die kleine Waldböschung, die das Feld, welches sich vor der Siedlung erstreckte, von dem Bach trennte.
Es geschah plötzlich und unerwartet. Wie aus dem Nichts wurde das Mädchen von einem harten Schlag getroffen. Dunkelheit.
Als sie wieder zu sich kam, roch Amy etwas, das sie binnen Sekunden, noch ehe sie realisieren konnte, was es war - noch ehe sie überhaupt ihre Augen öffnete - zum Würgen brachte. Sie hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen, doch sie konnte nicht, denn nur einen Augenblick, nachdem sie ihre Augen aufschlug, umfasste eine raue Hand ihren Hals und drückte erbarmungslos zu. Heißer Atem und mit ihm ein Geruch, dessen widerwärtige Mischung das Kind zu diesem Zeitpunkt noch nicht hätte benennen können, schlug Amy entgegen. Mit einem Herzschlag wurde ihr furchtbar kalt. Angst steigerte sich binnen Sekunden zu Panik.
Schnaps, Schweiß, Tabak, Fäule und der Geruch ihres eigenen Blutes waren das Letzte, was Amy roch. Sie suchte nach Halt, fand keinen, schlug und trat um sich. Doch sie war wehrlos, der Kraft dieses maskierten Mannes ausgeliefert. Eingequetscht zwischen dem kühlen Waldboden unter ihr und dem Gewicht des viel zu heißen Körpers über ihr, spürte sie einen Stich zwischen ihren Beinen. Erschrocken riss sie die Augen auf; ihre Finger krallten sich in die Erde.
Der Griff um ihren Hals festigte sich, doch das spürte Amy nur am Rande, denn der Schmerz weiter unten breitete sich aus und fraß sich, lodernd wie Flammen, durch ihren Unterleib, bis in die hintersten Winkel ihres Bewusstseins.
In dem Moment, als Amy sich selbst zum letzten Mal atmen hörte, wich die Angst aus ihrem Körper, wie der Dampf aus kochendem Wasser.
Das Einzige, was sie noch sah, bevor die Dunkelheit sie schluckte, waren seine Augen. Nicht die eisig blauen ihres Peinigers, sondern die sanften braunen Augen ihres besten Freundes. An einen Baum gefesselt, mit einem Knebel im Mund, saß Matt da. Nur etwa einen Meter von Amy entfernt.
Eine Wunde klaffte an seiner Schläfe, das Blut rann ihm über die Wange.
Matt war außer Stande, sich zu rühren. Lautlos starrte er sie an. Und doch - das Mädchen hörte seinen Hilferuf. Es hörte sogar das Zittern in seiner Stimme:

Bleib bei mir! Bitte, Amy, bleib bei mir! Ich habe solche Angst!


Amy verbannte den Schmerz aus ihrem Bewusstsein. Sie bündelte den Rest ihrer Kraft und gab ihm ihr Wort.

Hab keine Angst, Matty! Ich bleibe bei dir, ich verspreche es!



Dann wurde es erneut dunkel.
Und diese Dunkelheit war viel tiefer und intensiver, als alles, was Amy je zuvor erlebt hatte. Doch sie fürchtete sich nicht mehr und auch die Kälte war verschwunden. Warm jedoch war ihr auch nicht. Sie fühlte… Nichts!
Kurzes, grelles Aufflackern unterbrach die Dunkelheit nach einer unbestimmbaren Weile - zunächst nur sporadisch, dann jedoch immer regelmäßiger - und plötzlich sah das Mädchen ihr kleines Leben an sich vorbeiziehen. Bilder, wie die eines alten Filmes, blitzten auf.
Amy sah sich auf dem Rücken ihres Vaters reiten und dann in den Armen ihrer Mutter liegen. Mit einem feuchten Tuch kühlte sie Amys Stirn, während sie ihr die Geschichte von dem lustigen Zwerg und dem dummen Riesen erzählte. Amy roch den Geruch von warmer Milch und frisch gebackenem Obstkuchen, von Getreide und frischem Heu. Sie sah Matty und sich selbst nebeneinander im noch feuchten Frühlingsgras liegen und in den Himmel starren. - Ein Drache, ein Löwe, ein Auto - in nahezu jeder Wolke erkannten sie eine Figur. Ein neues Bild löste die himmlischen Gestalten ab:
Amy und Matt, die, bis auf die Unterwäsche entkleidet, auf Holzschemeln in Amys Garten saßen, während ihre Väter die Kinder mit Läusekämmen bearbeiteten. Dann sah Amy sich selbst am Klavier sitzen und spielen. Matt saß neben ihr, lauschte und malte dabei - immer wieder dasselbe Motiv: ihren gemeinsamen großen Traum.
Amy sah sich Hand in Hand mit Matty zur Schule rennen. Wie immer in Eile, doch zu spät kamen sie nie. ... Und in all diesen Bildern sah sie die Sonne hell und warm auf sich und ihren besten Freund herab scheinen.
Schon hatten die Szenen aus Amys Kindheit ihre gesamte Macht entfaltet. Mühelos vernebelten sie die frischen Erinnerungen an Schmerz und Angst. Amy wollte nicht zulassen, was ihr Verstand ihr ankündigte:
Diese betäubend schönen Bilder würden bald enden. Sie würden einfach erlischen und sterben, zusammen mit ihr.
Verzweifelt sog die Kleine jedes Detail ihrer vorbeirasselnden Erinnerungen in sich auf und hielt sich mit der Kraft ihres Daseins daran fest.
Je länger Amy dem nahenden Ende trotzte, desto heller und wärmer schien die Sonne auf Matty und sie herab. Heller und wärmer, bis dieses alles beherrschende Licht sie schließlich vollkommen umhüllte. Es nahm den Platz ein, den ihr Leben bisher ausgefüllt hatte und nichts schien mehr von Bedeutung zu sein. Amy war erlöst.
Zeit- und schwerelos schwebte sie in diesem Licht.
Dann, Sekunden oder Jahre später, vernahm sie einen gedämpften Klang, den sie nach einiger Zeit als das Schreien einer Frau ausmachte.
Näher und näher kam dieser Klang und je deutlicher der Schrei wurde, desto stärker wandelte sich das Licht.
Es wurde zunehmend greller, verlor mehr und mehr von seiner Wärme und Amy spürte, wie es sie langsam wieder los ließ. Sie wurde davon gestoßen, ob sie es wollte oder nicht.
Als das Licht so beißend grell war, dass es nur noch blendete, kehrte plötzlich die Kälte zurück und nur einen Augenblick später hörte sie sich selbst schon schreien.
Schrill und markerschütternd und, was sie zutiefst erschreckte, mit einer ihr fremden Stimme - einer Babystimme.
Amy brauchte ein wenig, um zu realisieren, dass sie das Licht der Welt erblickt hatte. Erneut.

Wie konnte das sein? Sie war ein Baby! Ein hilfloses Baby - ein Neugeborenes. Gerade als Amy begann zu begreifen, durchtrennte man ihre Nabelschnur.
Das metallene `Klack´ und die Berührung der Schere erschreckten sie, doch es tat nicht weh.
Die Kälte und das Licht überforderten sie. Nichts war klar erkennbar, nur Schatten und unscharfe Konturen nahm sie wahr. Nachdem man den Rest ihrer Nabelschnur abgeklemmt hatte, wischte jemand mit einem weichen Frotteetuch in ihrem Gesicht herum und trocknete danach auch den Rest ihres winzigen Körpers ab. Dann wickelte man sie in eine Decke und legte sie einer Frau in die Arme, die das Baby küsste und an sich drückte.
Tränen des Glücks und der Rührung liefen über die Wangen der Frau und tropften warm auf Amys nacktes Ärmchen.
„Mein Mädchen! Mein süßes kleines Mädchen!“ Die sanfte Stimme wurde durch Amys Geschrei übertönt, aber die Frau lächelte unbeirrt auf ihr Baby herab. Zunächst konnte Amy auch sie nur sehr unscharf erkennen, doch bald schon erkannte sie einige Details.
Braune Augen und ein zärtliches Lächeln, alles überdimensional groß.
Amy blinzelte.
„Tom, komm doch! Schau nur, wie aufgeweckt sie mich ansieht“, rief die Frau.
Für einen Moment verschwamm das Bild erneut, denn zwischen die Frau und den Säugling schob sich nun ein weiteres Gesicht.
Als Amy ihre Augen etwas unter Kontrolle gebracht hatte und es schaffte, den etwa tellergroßen, hautfarbenen Fleck vor ihr zu fokussieren, sah sie zum ersten Mal den Mann, der von nun an ihr Vater sein sollte - Tom.
Dunkelblonde Haare fielen ihm in die Stirn und auf seiner Nase saß eine Brille mit runden Gläsern. Dahinter schimmerte es Blau. Erneut trafen Tränen auf Amys Arm, als sich ein riesiger Finger nach ihr ausstreckte und über ihre Wange strich.
Tom schluckte - so laut, dass Amy es hören konnte - und griff dann nach der winzigen Hand. Sein Daumen zitterte und Amy spürte, wie sich ihre Finger um ihn schlossen.
„Hallo, Julie!“, flüsterte er. „Ich bin dein Papa, kleine Maus.“
Die Worte hallten in ihrem Kopf wider; die Zärtlichkeit in Toms Stimme ließ sie völlig kalt. `Julie? Nein!´
Das war das erste Mal, dass Amy versuchte zu protestieren und ihren neuen Eltern verstehen zu geben, was geschehen war.
„Ich bin nicht eure Julie. Ich heiße Amy. Amy Charles! Und ich habe schon eine Mutter und einen Vater. In Saint Toulouse, da wohne ich nämlich. Bitte bringt mich zurück zu ihnen.“
All das rief sie ihnen zu. Sie flehte förmlich. Doch nichts von alledem wurde gehört, außer die Panik in ihrer Stimme. Denn das, was über ihre Lippen kam, war lediglich ein weiterer Schrei. So schrill, dass Tom zusammenfuhr.
Ihr Babykörper verkrampfte sich, sie schrie aus vollem Hals. Je mehr sich die Verzweiflung in Amys Inneren steigerte, um so lauter wurde das Gebrüll des Säuglings.
„Oh, das junge Fräulein hat aber eine ganz beachtliche Stimme“, hörte sie eine gutmütige Frauenstimme sagen, die jedoch nicht von der Frau, die sie auf die Welt gebracht hatte, zu kommen schien.
Erneut wurde Amys Bild unscharf, als fleischige Hände das Neugeborene packten und mit sicherem Griff anhoben.
„Wir werden dich jetzt erst einmal baden und wiegen, kleine Julie, und dann schauen wir, ob du vielleicht schon Hunger hast“, verkündete eine dicke Frau, die Amy ein wenig an ihre Ur-Omi aus Saint Toulouse erinnerte.
Die Hebamme ließ das Baby in ein Becken mit Wasser hinab und wusch den kleinen Körper mit einem Waschlappen. Unter diesen Berührungen, in der Wärme des Wassers, entspannte Amy sich etwas. Schlagartig verstummte das Schreien.
„Ihre Kleine liebt das Wasser, wie es scheint“, bemerkte die rundliche Frau amüsiert.
Ja, Amy war schon immer eine Wasserratte gewesen, das stimmte.
Als die Hebamme sie kurz darauf aus dem Becken zog und die kühle Luft die Haut des Säuglings streifte, brüllte Amy sofort wieder los - als hätte jemand einen Schalter in ihr umgelegt.
„Nur noch wiegen, dann haben wir es ja, meine Kleine.“
Der Beruhigungsversuch scheiterte. Amy zuckte ... Und brüllte noch lauter, als sie die Kälte von Metall an ihrem Rücken spürte.
„3.960 Gramm. Ein stolzes Gewicht!“, gab die Hebamme, scheinbar völlig unbeeindruckt von dem markerschütternden Gebrüll, zu Protokoll.
`Oh Gott!´, schoss es Amy durch den Kopf.
Sie wusste, dass sie bei ihrer letzten Geburt ein Fliegengewicht gewesen war. Ihre Mutter hatte ihr oft genug erzählt, dass sie, obwohl Amy nur drei Tage vor dem errechneten Termin auf die Welt gekommen war, noch zehn Tage mit ihr im Krankenhaus hatte bleiben müssen. Erst als die Kleine damals ein gewisses Mindestgewicht erreichte, entließ man sie und ihre Mutter nach Hause.
Panik kroch in Amy empor und überrollte sie förmlich.
War sie etwa in einem anderen Körper wiedergeboren worden?
War sie äußerlich nun ein ganz anderer Mensch?
Noch ehe sie zu tief in den Fluten ihrer Angst versinken konnte, wurde Amy ihrer neuen Mutter an die Brust gelegt. Wie automatisch tat sich ihr Mund auf und sie begann zu saugen. Dieser Reflex unterbrach ihre Gedanken für ein paar Minuten.
Es kam nicht viel. Nur einige warme, leicht süßlich schmeckende Tröpfchen. Ein zähflüssiges Etwas. Es schmeckte zwar nicht besonders gut, doch der Rhythmus ihres Saugens und die Körperwärme der Frau, die Amy eng umschlossen in ihren Armen hielt, beruhigten die Kleine sehr und schon bald schlossen sich ihre Augen.
„Sie ist so winzig. Und sie ist bildhübsch - wie ihre Mom… Ich liebe dich, Kristin!“, hörte Amy Tom gerade noch sagen, bevor sie an der Brust dieser fremden Frau einschlief.
Ihre Auszeit währte nur kurz. Bald schon schreckte sie wieder auf, tausend Gedanken und die Verzweiflung einer Neunjährigen tobten in ihrem viel zu kleinen Kopf.
`Ich muss schnell sprechen lernen, damit ich allen erzählen kann, was mir passiert ist. Was
uns passiert ist, Matty und mir. Warum hat uns dieser Mann so weh getan? ... Gott, wo ist Matt bloß? Lebt er noch? Werde ich ihn wieder finden? Und meine Mommy? ... Daddy!´
Und da war es wieder - dieses spitze, schrille Schreien, das sogar Amy selbst in den Ohren weh tat und welches auch Kristin, die ihre Tochter selig angesehen hatte, zutiefst erschreckte.
„Was hat sie denn?“, fragte sie. Hastig und etwas hilflos zupfte sie die Decke, in die Amy eingehüllt war, bis über die Schultern ihres Babys hoch.
Die Hebamme trat an die Seite der jungen Frau und strich ihr über den Oberarm. Ihr Blick war nachgiebig, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
„Geben sie ihrer Tochter Zeit, mit dem Erlebten fertig zu werden, Kristin. So eine Geburt muss doch eine Art traumatisches Erlebnis für diese kleinen Wesen sein, meinen Sie nicht? So etwas muss erst einmal verarbeitet werden und jedes Baby geht anders damit um.“
Ja, ein traumatisches Erlebnis, wie wahr. Zwar begann Amy langsam zu begreifen, von Kontrolle jedoch war sie noch weit entfernt.
Ihr Babykörper reagierte auf all ihre Gedanken und Gefühle in der einzigen Weise, wie Neugeborene es nun einmal tun können. Amys Seele spürte die Berührungen, wie Kristins Streicheleinheiten oder den Stich der Nadel in ihre Fußsohle, als man ihr Blut abnahm, doch dieser Körper war ihr fremd.
Innerlich war sie noch immer die Amy, die in wenigen Tagen neun Jahre alt werden würde. Sie sehnte sich sehr nach ihrem alten Leben und zerbrach fast daran, dass dieser fremde Mann mit der Skimaske sie auf solch brutale Art und Weise aus eben diesem Leben gerissen hatte. Zu früh ... vor der Zeit.

In den kommenden Wochen und Monaten war Amy rein äußerlich betrachtet ein ganz normales Baby. Ihre Entwicklung schien altersgerecht zu sein.
Die Menschen, die sie umgaben, gewann sie bald schon lieb.
Kristin und Tom waren Mustereltern. Amy war ihr erstes, heiß ersehntes Kind und beide platzten fast vor Stolz.
Dem Postboten, der Verkäuferin im Supermarkt, den Nachbarn - allen präsentierten sie Amy voller Glück und Stolz. Jeder erfuhr, wie lieb und pflegeleicht ihr Baby sei. Was zugegebenermaßen nicht stimmte.
Denn auch, nachdem die ersten fünf Lebensmonate ihres neuen Lebens bereits verstrichen waren, hatte Amy es noch nicht gelernt, sich zu kontrollieren.
So oft sie ihr Zuhause, ihre Eltern, ihre Ur-Omi, Matty und alles, was ihr früheres Leben einmal ausgemacht hatte, vermisste, weinte und brüllte sie los. Erschreckend häufig verkrampfte sich Amys Körper - mit all ihrer Kraft schien sie sich dann aufzubäumen - und sie schrie so markerschütternd, dass man einfach denken musste, ihr würde etwas fehlen.
Besonders heftig waren diese Scheikrämpfe nachts. Niemand konnte ahnen, dass Amy dann aus tiefen Träumen aufschreckte, in denen sie das Keuchen eines Mannes einholte, der mit seinem vollen Gewicht auf ihr lag, sie würgte und ihr ohne jeden Grund furchtbar weh tat.
Voller Sorge brachte Kristin ihre Tochter zu dem besten Arzt der kleinen Stadt, in der sie lebten. Doch sämtliche Untersuchungen, die er an Amy vornahm, blieben ergebnislos.
Da Amy sich nach wie vor nicht als „Julie“ fühlte, musste Kristin nach einiger Grübelei verneinen, als der Kinderarzt fragte, ob die Kleine bei dem Ruf ihres Namens den Kopf in die entsprechende Richtung drehen würde.
Diese einzige Auffälligkeit in Amys Entwicklung wurde zwar notiert, man maß ihr jedoch keine große Bedeutung bei.
„Machen Sie sich keine Gedanken, Mrs. Kent. Das ist wirklich der frühstmögliche Zeitpunkt, um diese Frage zu stellen. Beobachten Sie ihre Kleine einfach in den nächsten Wochen und melden Sie sich, wenn sie in einem Monat noch immer nicht auf ihren Namen reagiert.“
Kristin war beruhigt und Amy lebte weiter mit den Erinnerungen, die, das wurde ihr mit der Zeit bewusst, bei ihrem Tod hätten ausgelöscht werden sollen. Doch das war nicht geschehen. Sie hatten Amy nicht verlassen, denn sie hatte sich an ihnen festgeklammert, wie ein Ertrinkender an einem Strohhalm; sie hatte ihr altes Leben einfach nicht losgelassen. Und nun steckte sie fest, zwischen diesem Dasein und ihrem früheren. Es wollte ihr einfach nicht gelingen, sich auf dieses neue Leben mit all seinen Chancen einzulassen.

Ihr Babykörper bot Amy nicht die Möglichkeiten, sich in einer Art auszudrücken, die ihrem geistigen Zustand entsprochen hätte; er hielt sie förmlich gefangen. Und was tun Gefangene, die in Isolation ihre Strafe absitzen? Sie beginnen, ihr Leben Revue passieren zu lassen. Mit nur wenig Abwechslung in ihrem monotonen Alltagsrhythmus gehen sie ihr Leben immer wieder durch, durchleben viele Begebenheiten noch einmal und machen sich im besten Fall klar, was nicht so gut gelaufen ist und was sie verändern werden, wenn sie ihre Zelle eines Tages verlassen.
Die tägliche Routine eines Babys langweilte Amy furchtbar. Ihr Körper verlangte nach viel Schlaf und sehr häufig nach Kristins Milch. So trank und schlief sie fast den gesamten Tag lang. Den Rest der Zeit verbrachte sie auf dem Wickeltisch oder auf einer Decke, umrahmt von Spielzeugen, die sie nicht im Geringsten interessierten.
Selbst wenn Amy Interesse geheuchelt hätte, wäre sie körperlich doch nicht in der Lage gewesen, sich frei zu drehen. Anfangs konnte sie ja nicht einmal gezielt greifen, was wirklich unglaublich frustrierend war.
Nach und nach beschränkte sich das Mädchen also immer mehr auf ihre geistigen Fähigkeiten, die unangetastet geblieben waren und von denen niemand etwas wissen konnte. Fähigkeiten, die ganz allein ihr gehörten.
Vergleichbar mit einem Gefängnisinsassen, tauchte auch Amy wieder und wieder in ihr altes Leben - ihr altes Dasein - ab.
Sie bereiste die winzige Siedlung mit den weißen Holzhäusern und pflückte einen Strauß Frühlingsblumen im Garten ihres Elternhauses.
Tagelang spielte sie mit Matty im Sonnenschein und schmuste ausgiebig mit ihren Eltern unter einer rot-blau karierten Wolldecke, die sie immer als ihre `Kuschelhöhle´ bezeichnet hatten.
Amy sah die braunen Augen ihres Vaters und die blauen Augen ihrer Mutter im Licht der Morgensonne strahlen, so voll von Liebe, Wärme und Geborgenheit. Sie waren die einzigen Menschen, die sie jemals Mutter und Vater würde rufen können, so viel stand fest.
Kristin und Tom hatten zweifellos ihre Plätze in Amys Herzen gefunden. Sie waren großartige Menschen und Amy fühlte sich auch bei ihnen geborgen, doch sie liebte die beiden so, wie ein Kind, das man mit neun Jahren von seinen Eltern weggerissen und dem man neue Eltern vor die Nase gesetzt hatte, es eben tun konnte. Mehr war ihr nicht möglich, so leid es ihr auch tat.
Mit der Zeit entfernte Amy sich zunehmend von Kristin und Tom, umso mehr, je stärker sie ihre früheren Eltern vermisste.
Ganze Tage verbrachte sie nun in ihren Erinnerungen und in ihrer Vorstellungen von dem, was sie tun würde, wenn es ihr endlich gelingen würde, aus ihrer misslichen Lage zu entkommen. Schließlich versank Amy so tief in dieser Welt, die ihr Hoffnung gab und in der sie sich zuhause fühlte, dass sie nicht mal merkte, wie sehr sie sich bereits aus der wirklichen Welt, in der sie mittlerweile ein neunmonatiges Baby war, zurückgezogen hatte.
Ihr, oder besser gesagt Julies kleiner Körper tat weiterhin alles, um seine Bedürfnisse zu stillen, altersgemäß und gut entwickelt. Doch geistig schien die Kleine nicht recht voran zu kommen, das wurde immer deutlicher.
Andere Babys ihres Alters reagierten längst schon auf ihre Umwelt. Sie erwiderten ein Lächeln, reckten den Eltern die Ärmchen entgegen und brabbelten fröhlich vor sich hin. Julie jedoch tat nichts dergleichen. Nach wie vor reagierte sie nicht einmal auf den Ruf ihres Namens und gab auch nicht die üblichen Babygeräusche von sich. Manchmal bildete sie komische Laute. Sie klangen kehlig und wie der Versuch, in einer fremden Sprache zu sprechen, so beschrieben Tom und Kristin diese Geräusche dem Kinderarzt. Sie konnten nicht ahnen, wie nahe sie sich an der Wahrheit bewegten, denn das waren die Momente, in denen Amy mit Matt redete, in denen sie ihn fand und mit ihm sprach.
In all ihren Vorstellungen suchte und fand sie ihn, denn der Gedanke, dass er tot sein könnte, war schlichtweg unvorstellbar für sie.
Amy sah ihn einsam in der hintersten Ecke eines ihr fremden Schulhofs sitzen oder ganz allein auf einer Wiese liegen und mit leerem Blick in den Himmel starren. Ob er die Figuren in den Wolken wohl auch ohne sie erkannte?
Matty sah traurig aus, wann immer Amy ihn sah.
Erst mit der Zeit wurde ihr bewusst, dass diese Bilder
reale Bilder waren, ja - sein mussten und sie wünschte sich so sehr, ihn wieder lachen zu sehen, unbeschwert und glücklich wie zuvor.
Es brach ihr das Herz, ihn so zu erleben, doch obwohl Matt keine Notiz von Amy nahm und stets durch sie hindurch sah, wann immer sie sich zu ihm gesellte, gab das Mädchen nicht auf. Sie hatte ihrem besten Freund versprochen, bei ihm zu bleiben und war nun regelrecht besessen von dem Vorhaben, dieses Versprechen zu halten.
Es musste einen Sinn haben, dass sie ihn sah und seine Wege begleiten konnte, das spürte Amy genau. Schließlich funktionierte das nur bei ihm. Weder ihre Eltern noch ihre Ur-Omi konnte Amy finden und auf diese besondere Art aufsuchen, nur Matty.
Obwohl sie jetzt grüne Augen hatte, anstatt wie früher blaue, und obwohl sich nun braune Löckchen um ihren kleinen Kopf kringelten, wo früher noch blonde Haare zu Zöpfen geflochten waren, war Amy dennoch überzeugt davon, dass Matt sie eines Tages sehen und dann auch erkennen würde. Mehr bedurfte es nicht - diese Überzeugung hielt Amy gesund und lebenswillig.
Gemeinsam würden sie zurück in ihr Dorf gehen, Amys Eltern suchen und wieder so leben wie bisher.
Amys Geist war der eines neunjährigen Kindes, mit all seiner Naivität. Immer mehr Zeit verbrachte sie an der Seite ihres besten Freundes, ohne zu bemerken, wie hoch der Preis war, den sie dafür zahlte. Denn ihr kleiner Körper verlor dabei zunehmend an Beachtung und Bedeutung für sie. Nach einer Weile lebte Amy fast ausschließlich in ihrer Fantasiewelt.

Als die kleine Julie im Kreise ihrer Familie gerade ihren ersten Geburtstag gefeiert hatte, schrieb ein Facharzt einen ausführlichen Bericht über ihren Zustand, aus dem für Kristin und Tom klar erkennbar hervorging, dass sie eine schwer autistische Tochter hatten.
Von ihren Tränen und all ihrem verzweifelten Kummer bekam Amy nichts mehr mit. Hand in Hand lief sie mit Matty durch eine Welt, die ein einziges, leuchtend gelbes Sonnenblumenfeld zu sein schien.


Juli 2011:
“Deine Seele in mir” ist
Tipp des Lektorates bei der Verlagsgruppe Droemer-Knaur.

Am 08. Juli 2011 ist mein Roman “Deine Seele in mir” bei
www.droemer-knaur.de als e-book erschienen und überall dort erhältlich wo man e-books kaufen kann.

Übrigens: Eine ausführlichere Leseprobe findet ihr auf www.vorablesen.de.
Dort habt ihr momentan auch noch die Möglichkeit, eins von 100 e-books zu gewinnen, wenn ihr euren Leseeindruck hinterlasst.

Einfach auf das Cover klicken, um zu der Leseprobe zu gelangen.


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